Braucht Europa einen weiteren Zinsimpuls?
Die Inflation in Europa sinkt langsam Richtung Zielmarke, während die Industrie weiterhin in einer hartnäckigen Rezession steckt. Unser aktueller Zinsausblick zeigt, welche Bewegungen wir bei Zinsmarkt und Wirtschaft erwarten.
EZB entspannt dank sinkender Inflation
Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) orientiert sich maßgeblich an der Entwicklung der Inflationszahlen. Das kommunizierte Ziel ist eine jährliche Preissteigerung von maximal 2 %. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges im Jahr 2022 waren die Inflationsraten stark angestiegen, zuletzt bewegten sie sich jedoch wieder in Richtung dieses Zielwerts.
Für das Jahr 2026 wird in der Eurozone eine Jahresinflation von knapp unter 2 % erwartet. Auch in Österreich bewegte sich die Januar-Inflation zuletzt stark von knapp 4 % auf rund 2 %. Hintergrund war unter anderem das Ende des Basiseffekts der mit Jahresbeginn 2025 ausgelaufenen Strompreisbremse.
Damit kann der EZB-Rat – das wichtigste Beschlussorgan der EZB – vorerst entspannen. Die aktuellen Rahmenbedingungen erlauben es ihm, den eingeschlagenen geldpolitischen Lockerungskurs beizubehalten. Dieser bleibt weiterhin wichtig, da sich die europäische Industrie noch immer in einer hartnäckigen Rezession befindet.
Der Stimmungsindikator der europäischen Industrie stieg zwar im Januar auf 49,5 (bei 50 liegt die Null-Wachstums-Linie), liegt aber immer noch im Bereich unterhalb der Null-Wachstums-Linie. Die Produktion kehrte in der Euro Zone nach dem starken Einbruch im Dezember zwar zu einem moderaten Wachstum zurück, unterstützt durch einen geringfügigen Anstieg der Auftragseingänge. Die Nachfrage bleibt jedoch fragil, und auch die Exportaufträge gingen weiter zurück. Einzig Frankreich zeigt aktuell unter den großen Wirtschaftsnationen relative Stärke.
Stabiler Zinstrend voraus
Der 3 Monats Zins liegt nun seit 6 Monaten auf dem aktuellen Niveau von knapp über 2 % und dürfte aus unserer Sicht auch weiterhin auf diesem Niveau bleiben. Wir erwarten, dass die europäische Wirtschaft trotz herausfordernder Rahmenbedingungen im Jahr 2026 inflationsbereinigt um 1,4 % wächst und sich dieses Wachstum 2027 auf 1,9 % beschleunigen wird.
Damit gibt es aus Sicht der Notenbank keinen Druck, das Zinsniveau nochmals zu reduzieren. Einzig ein sich weiter abschwächender USD könnte die Notenbank nochmals zu ein oder max. zwei Schritten zwingen. Dies setzt aber wohl voraus, dass die USA in den nächsten Monaten die Geldmarktzinsen stärker als erwartet zu senken beginnen.
Wir halten trotz herausforderndem Umfeld an unserer Prognose fest, dass der Einlagensatz bis Ende des Jahres bei 2 % stehen wird. Damit einhergehen sollte auch ein stabiler 3 Monats-Zins in gleicher Höhe.
Bei den längerfristigen Zinsen preisen wir längerfristig Zinserhöhungen ein. So soll der 10 Jahres-Zins aus unserer Perspektive von zurzeit 2,9 % in Richtung 3,15 % bis zum Jahresende steigen. Damit „versteilert“ sich die Zinskurve, was typischerweise auf positive wirtschaftliche Erwartungen aber auch auf eine steigende Inflation hindeuten kann.