Warum „Sell in May and go away“ trügerisch sein kann.

Wenn die Tage länger werden und die Temperaturen steigen, macht an den Börsen ein altbekannter Rat die Runde: „Sell in May and go away.“ Die Idee klingt verlockend einfach – im Mai aussteigen, den Sommer abwarten und im Herbst günstiger zurückkehren. Doch wie viel Wahrheit steckt in dieser scheinbar zeitlosen Regel?

Tatsächlich zeigen historische Daten, dass Aktienmärkte von November bis April im Durchschnitt besser performen als im Sommerhalbjahr. Besonders am US-Markt, etwa beim S&P 500, lässt sich dieser saisonale Effekt über lange Zeiträume beobachten. Auch europäische Indizes weisen ähnliche Muster auf, wenn auch weniger ausgeprägt.
Doch daraus eine verlässliche Strategie abzuleiten, greift zu kurz. Denn die Realität an den Märkten ist komplex – und vor allem unberechenbar.

Der „Sell in May“-Effekt ist kein Naturgesetz. 

Die Gründe für saisonale Schwächen im Sommer sind vielfältig: geringere Handelsvolumina während der Urlaubsmonate, weniger Unternehmensnachrichten und eine insgesamt niedrigere Marktaktivität. Zudem richten institutionelle Investoren ihre Portfolios häufig zum Jahresende neu aus, was die Kurse im Winterhalbjahr zusätzlich stützen kann.
Dennoch gilt: Der „Sell in May“-Effekt ist kein Naturgesetz. In vielen Jahren entwickeln sich die Märkte gerade im Sommer überraschend stark. Wer sich strikt an die Regel hält, riskiert, entscheidende Kursgewinne zu verpassen. Hinzu kommt, dass globale Vernetzung, algorithmischer Handel und die hohe Informationsgeschwindigkeit saisonale Muster zunehmend abschwächen.

Das richtige Timing.

Ein zentrales Problem bleibt das Timing: Wer regelmäßig ein- und aussteigt, muss nicht nur den richtigen Verkaufszeitpunkt treffen, sondern auch den perfekten Wiedereinstieg. Schon das Verpassen weniger besonders starker Börsentage kann die langfristige Rendite deutlich schmälern – und genau diese Tage treten oft unerwartet auf. Auch praktische Faktoren sprechen gegen häufiges Umschichten: Transaktionskosten, Steuern und emotionale Fehlentscheidungen belasten die Performance zusätzlich. Für langfristig orientierte Anleger ist daher meist ein anderer Ansatz überlegen: investiert bleiben.
Denn genau hier liegt der entscheidende Vorteil. Wer kontinuierlich investiert bleibt, profitiert vom Zinseszinseffekt und lässt sein Kapital über Jahre und Jahrzehnte arbeiten. Schwächere Marktphasen – auch im Sommer – werden dabei automatisch durch stärkere Perioden ausgeglichen, ohne dass aktives Eingreifen erforderlich ist.

Das Fazit: „Sell in May“ ist ein eingängiger Börsenspruch mit statistischem Hintergrund – mehr aber auch nicht. Nachhaltiger Anlageerfolg entsteht selten durch kurzfristiges Timing, sondern durch Disziplin, Diversifikation und Geduld. Oder anders gesagt: An der Börse zählt weniger der richtige Zeitpunkt als vielmehr die Zeit im Markt – denn auch im Sommer gilt: Die Börse kennt keine Ferien.

Kommentar

Der Börsenweisheit „Sell in May and go away“ möchte ich „Time in the market beats timing the market“ entgegensetzen. Wäre der 01. Mai für den Verkauf besser, oder sollten wir doch den 13. abwarten? Steigen wir Anfang September wieder ein oder kommt im späteren Monatsverlauf doch noch eine bessere Gelegenheit? Diese und viele weitere Fragen würden sich zweifelsohne auch im aktuellen Umfeld aus geopolitischen Verwerfungen, erratisch agierenden Staatsoberhäuptern und dynamischer Innovationsentwicklung geben. Erfahrungsgemäß gibt es für den avisierten Einstiegszeitpunkt im Herbst dann aber sowieso wieder Gründe, auf „später“ zu warten. Dieses „später“ entpuppt sich aber oft als verpasste Chance. Vielmehr setzen wir deshalb gemeinsam mit unseren Kund:innen darauf, langfristige Kapitalmarktveranlagung stetig und konsequent umzusetzen. Die Zeit im Markt und eine gute Diversifikation sind für den Erfolg der Veranlagung entscheidend. 
Dabei begleiten wir unsere Kund:innen gerne und nehmen wo und wann nötig Umschichtungen vor.

Portrait Michael Feurstein
Michael Feurstein, Raiffeisenbank Vorderbregenzerwald

Wertentwicklungen der Vergangenheit ermöglichen keine verlässliche Prognose für die Zukunft.

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