21.01.2021 - Ökoregion Kaindorf: Praxisbeispiel Zertifikate-Handel

Von Thomas Karner, GF Ökoregion Kaindorf

GF Ökoregion Kaindorf
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Unternehmenspotenziale und Chancen einer nachhaltigen und klimaschonenden Wirtschaftstransformation

Die Ökoregion Kaindorf in der Steiermark hat bisher mehrere hundert nachhaltige Projekte umgesetzt, von denen viele ausgezeichnet wurden und oft über die regionalen Grenzen hinaus ihre Nachahmer gefunden haben. In der ersten plastiksackerlfreien Region Österreichs und einer der ersten Klima- und Energiemodellregionen engagieren sich seit 2007 viele Menschen für eine lebenswerte Umwelt. Das weitreichendste Projekt ist das Humus-Aufbauprogramm, an dem sich aktuell rund 350 Landwirte in ganz Österreich beteiligen und insgesamt mehr als 4.000 Hektar Ackerfläche nachhaltig bewirtschaften. 
 

Landwirt wird zum Klimaschutzwirt 

Durch gezielten Humus-Aufbau werden Ackerböden stabiler und können ein Vielfaches an Wasser aufnehmen, Abschwemmungen vermeiden sowie Trockenperioden entgegenwirken. Damit schonen die Landwirte nicht nur die Umwelt - vor allem das Grundwasser -, sondern binden auch große Mengen an CO2 im Boden. Das entlastet das Klima. Bodendaten von 100 ausgewerteten Flächen in ganz Österreich zeigen, dass Humus-Aufbau in klimarelevanten Größenordnungen möglich ist. Im Mittel binden Landwirte im Zuge des Humus-Aufbauprogramms der Ökoregion Kaindorf 9 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr.

Außer den Kosten für die Bodenprobe gehen Humus-Landwirte dabei keine Verpflichtung ein. Im Zuge einer Anfangsuntersuchung werden die Bodenproben im staatlichen Referenzlabor der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) sowie auf Wunsch zusätzlich durch ein privates Institut nach der Albrecht/Kinsey-Methode analysiert. Drei bis sieben Jahre nach der Startuntersuchung wird die Erfolgsuntersuchung durchgeführt. Die Differenz zwischen den so ermittelten Humus-Vorräten im Boden wird in Tonnen CO2 umgerechnet und entspricht dem zusätzlichen Humus-Aufbau. Dem Landwirt werden zwei Drittel der Erlöse aus dem Zertifikate-Handel garantiert. Aktuell entspricht dies einem Erfolgshonorar von 30 Euro pro nachweislich gebundener Tonne CO2. In Summe wurden bisher 373.000 EUR an Humus-Landwirte ausbezahlt. Nach Auszahlung des Erfolgshonorars beginnt eine Fünfjahresfrist, innerhalb dieser der zusätzlich aufgebaute Humus nachweislich erhalten werden muss.
 

Leistungsausgleich durch die Wirtschaft

Finanziert werden die Erfolgshonorare von Unternehmen, die auf freiwilliger Basis ihren nicht vermeidbaren CO2-Überschuss kompensieren und sich damit nachvollziehbar als "klimaneutral" darstellen können. Das Geld fließt direkt von der Wirtschaft in die Landwirtschaft. Die Nachfrage von Unternehmen ist seit Jahren ungebrochen.
 

Internationale Drehscheibe

Seit dem Start des Humus-Aufbauprogramms im Jahr 2007 haben sich rund 150 internationale Delegationen in der Ökoregion Kaindorf ein Bild von dem Vorzeigeprojekt gemacht. Im Rahmen der alljährlichen Humus-Tage nehmen durchschnittlich 350 Teilnehmer aus 10 Nationen am praxisnahen Wissensaustausch teil. Zudem wurde im Jahr 2017 die Humus-Akademie gegründet, deren Workshops von in- und ausländischen Anwendern besucht werden. Aktuell gibt es in Österreich, Deutschland und in Slowenien rund ein Dutzend Organisationen, die nach dem Vorbild der Ökoregion Kaindorf Humus-Aufbau inklusive Zertifikate-Handel betreiben. Immer mehr Regierungen sowie die Europäische Union erkennen die enormen Chancen von Humus-Aufbau für Landwirte und Klima. Vor diesem Hintergrund will sich die Ökoregion Kaindorf weiter als internationale Wissens-Drehscheibe etablieren und sich für die Entwicklung von Qualitätsstandards einsetzen. 

Über den Autor

Thomas Karner war Jahrzehnte im Marketing und Management in der Wirtschaft tätig, ehe er 2016 die Geschäftsführung der Ökoregion Kaindorf übernahm. Seither setzt er sich vor allem für die Verbindung von Wirtschaft und Nachhaltigkeit ein. 

Quelle: Raiffeisenzeitung
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