15.02.2021 – Nachhaltigkeit als Startvorteil

Der Raiffeisen Campus bietet einen neuen Lehrgang mit dem Titel "Beratung über nachhaltige Investments (ESG)" an. 

Symbolbild grüne Tehnologien
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Laut Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) knackte der nachhaltige Anlagenmarkt in Österreich im Juni 2020 die Marke von 30 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahr ist das Volumen damit um 38 Prozent gestiegen. Das Thema Nachhaltigkeit ist somit in der Breite des Bankgeschäfts angekommen. Kaum ein Bereich wächst derzeit so stark wie jener, bei dem es um Veranlagungen oder Finanzierungen entsprechend sogenannter "ESG"-Kriterien (Environmental, Social und Governance) geht. Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt daher aktuell auch sämtliche EU-Institutionen.

Dabei ordnet die Europäische Union derzeit zwei politischen Zielen alles unter: Bis zum Jahr 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 55 Prozent reduziert werden und bis 2050 soll Europa ein CO2-neutraler Kontinent sein.

Für die Raiffeisen Bankengruppe ist Johannes Rehulka, Geschäftsführer des Fachverbandes der Raiffeisenbanken und Vorstandsmitglied in der Europäischen Vereinigung der Genossenschaftsbanken (EACB), maßgeblich an den Gesprächen über die Auswirkungen der Nachhaltigkeitsziele auf den Bankensektor beteiligt. "Die Kreditwirtschaft soll als Intermediär eine entscheidende Rolle für eine nachhaltige Ausrichtung der Wirtschaft einnehmen", unterstreicht Rehulka. Gerade bei der Kreditvergabe sollen Klimarisiken künftig noch stärker berücksichtigt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) haben daher bereits Leitfäden zum Umgang mit klimarelevanten Risiken veröffentlicht.

Auf EU-Ebene werde es künftig jedenfalls mehr Vorgaben für eine nachhaltige Entlohnung, eine nachhaltige Governance sowie die Veröffentlichung von nachhaltigen Daten geben, ist Rehulka sicher. Gleichzeitig sieht er aber auch neue Chancen: So sollen etwa Umweltzeichen auf EU-Ebene für bestimmte Produkte zur Verfügung gestellt werden, beispielsweise für "grüne" Konten. "Wer sich rechtzeitig mit den Themen beschäftigt, kann – wie das bereits heute manche Raiffeisenbank umsetzt – zum Vorreiter beim Thema Nachhaltigkeit werden", ist Rehulka zuversichtlich.

Damit einher geht auch die Notwendigkeit professioneller Beratung bzw. eines Angebots von passenden Weiterbildungsangeboten. Um dieser Entwicklung auch seitens der Bildungseinrichtung bei Raiffeisen entsprechend Rechnung zu tragen, bietet der Raiffeisen Campus nun einen neuen Lehrgang mit dem Titel "Beratung über nachhaltige Investments (ESG)" an.

Wir sprachen mit Thomas Stumbauer, dem Leiter des Teams Bankausbildung am Raiffeisen Campus, was nachhaltige Veranlagungsprodukte mit Bio-Lebensmitteln zu tun haben und warum gerade jetzt die richtige Zeit ist, sich damit zu beschäftigen.
 

Der Raiffeisen Campus bietet einen neuen Lehrgang mit dem Titel "Beratung über nachhaltige Investments (ESG)" an. Warum ist das Thema Nachhaltigkeit überhaupt ein Thema für die Raiffeisen Bildung?

Thomas Stumbauer: Das Thema Nachhaltigkeit ist vor allem ein Thema für das Geschäft der Banken, aber natürlich auch für die restliche Wirtschaft. Im Rahmen des Green New Deal versucht die EU ja gerade die Finanzströme in Richtung Nachhaltigkeit zu lenken und dadurch das Wirtschaftssystem der EU neu auszurichten. Banken sind damit unter den ersten Adressaten dieser Politik und über kurz oder lang in all ihren Geschäftsbereichen betroffen, egal ob es sich um Veranlagungs- oder Finanzierungsgeschäfte, Risikomanagement, Personalpolitik oder die eigene Aufbau- und Ablauforganisation handelt.

Damit ist Nachhaltigkeit automatisch auch ein Thema für die Raiffeisen-Bildung, um die Mitarbeiter und Führungskräfte hier rechtzeitig für die neuen Herausforderungen "fit" zu machen.
 

Wird das Bankgeschäft jetzt bio?

Stumbauer: Nein, das würde auch viel zu kurz greifen. Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht mit Umweltschutz gleichzusetzen. Natürlich geht es auch um Umweltaspekte, allerdings darf man die restlichen Bereiche nicht ausblenden – hier geht es um soziale Aspekte wie Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und gesellschaftliches Engagement, aber auch um die Unternehmensführung und damit verbundene Werte und Prozesse. Und ich denke, gerade Raiffeisenbanken mit ihrer genossenschaftlichen Struktur haben hier einen Glaubwürdigkeits- und somit Startvorteil bei ihren Kunden.
 

Wenn alle Bereiche betroffen sind – warum starten Sie dann jetzt mit einem Lehrgang für Veranlagungsberater?

Stumbauer: Dies hat mehrere Gründe: Nachhaltigkeit ist ohne Zweifel einer der Megatrends der kommenden Jahre und Jahrzehnte und gerade Veranlagungskunden verlangen bereits heute aktiv nach derartigen Produkten. Auch die Anbieter von Veranlagungsprodukten haben diesen Bedarf erkannt und bieten schon heute ein breites Portfolio an – man sehe sich hier zum Beispiel nur das Angebot der RCM an. Darüber hinaus kann das Thema – geschickt angegangen – für die Bank aber auch wirtschaftlich sehr attraktiv sein. Studien diverser Beratungshäuser zeigen uns, dass Bankkunden in der Regel bereit sind, für nachhaltig ausgerichtete Bankprodukte eine Prämie zu zahlen – ähnlich wie sie es zum Beispiel auch im Supermarkt für biologische Lebensmittel tun. Und zu guter Letzt gibt es im Veranlagungsbereich aktuell die konkretesten regulatorischen Vorgaben und somit die höchste Klarheit, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird.
 

Stichwort Regulatorik: Wie werden die regulatorischen Vorgaben in diesem Bereich aussehen?

Stumbauer: Unter anderem hat die EU-Kommission hier eine Änderung der delegierten Rechtsakte zur MiFID II und IDD vorgesehen, die, kurz gesagt, eine zwingende Erhebung und Berücksichtigung von Nachhaltigkeits-Präferenzen im Zuge der Anlageberatung und deren Dokumentation vorsehen. Der Veranlagungs- oder Versicherungsberater wird also seine Kunden aktiv befragen und diesen entsprechende Produkte anbieten und erklären müssen. Um das seriös tun zu können, muss er aber natürlich wissen, worum es bei "Nachhaltigkeit" geht. Diese Änderungen werden ab 2022 in den regulatorischen Vorschriften schlagend werden.
 

Die Banken haben aus Ihrer Sicht also noch genug Zeit, sich auf die Änderungen 2022 einzustellen?

Stumbauer: Das wäre wohl eine sehr verkürzte Sichtweise. Kunden warten ungern und die Zeit bleibt nicht stehen. Die Bank sollte sich fragen, ob sie nicht viel lieber unter den Ersten in ihrer Region sein will, um mit entsprechend geschulten Mitarbeitern die Themenführerschaft in diesem Bereich zu übernehmen. Ein Warten auf "regulatorischen Zwang" bedeutet letztlich ja nur hinterherzuhinken.
 

Wir leben in einer von Lockdowns und sonstigen Einschränkungen geprägten Zeit – ist das der richtige Zeitpunkt für einen solchen Lehrgang?

Stumbauer: Es ist genau der richtige Zeitpunkt! Der Lehrgang läuft zu 100 Prozent online und selbstgesteuert ab. Der Teilnehmer kann sich seine Lerneinheiten über einen Zeitraum von sechs Wochen selbständig nach seinen Bedürfnissen und zeitlichen Ressourcen einteilen und die Module beliebig oft wiederholen. Wenn er sich bereit fühlt, tritt er online zur Prüfung an. Nach bestandener Prüfung erhält der Teilnehmer ein Zertifikat und das Recht, die Bezeichnung "Zertifizierte ESG-Beraterin / Zertifizierter ESG-Berater" zu führen. Die Weiterbildung wird natürlich in der Bildungshistorie dokumentiert und ist mit je 12 MiFID und IDD Credits hinterlegt. Diplom.Finanzberater und Certified Financial Planner erhalten ebenfalls 12 CPD Credits.
 

Sie haben D.FB & CFP Zertifikatsträger erwähnt. Ist der Lehrgang nur für Betreuer gehobener Individualkunden gedacht?

Stumbauer: Nein. Die Inhalte des Lehrgangs sind zwar beim Verband Financial Planners akkreditiert und wir haben aufgrund des hohen Teilnehmerinteresses auch um Akkreditierung zum "EFPA ESG Advisor®"-Zertifikat beim Verband angesucht – das heißt, Absolventen des Lehrgangs können gegen Nachweis der bestandenen Ausbildung und einer geringen Zertifizierungsgebühr dieses Zertifikat zusätzlich beim Verband anfordern –, wir empfehlen den Lehrgang aber prinzipiell allen Mitarbeitern in der Anlageberatung. Das Thema trifft alle Veranlagungskunden und die Aufsicht wird hier letztlich auch keinen Unterschied bei ihren Prüfungen machen.
 

Wenn einer unserer Leser noch zusätzliche Informationen zum Lehrgang haben möchte …?

Stumbauer: … dann kann er gerne unsere Homepage zum Thema –  www.raiffeisencampus.at/nachhaltigkeit – besuchen oder sich jederzeit an mich oder meine Kollegen aus dem Team Bankausbildung am Raiffeisen Campus wenden.

Quelle: Raiffeisenzeitung; Text: emu
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