11.06.2021 - Ein gutes Fünftel
Das exponentielle Wachstum bei nachhaltigen Investments hält an, das zeigt der aktuelle FNG-Marktbericht für Österreich.
Privatanleger steigern Engagement
Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) feiert heuer sein 20-Jahr-Jubiläum. Der Fachverband für den deutschsprachigen Raum repräsentiert über 200 Mitglieder, die sich für mehr Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft einsetzen, verleiht Qualitätssiegel und informiert über aktuelle Marktentwicklungen. Die jährlichen Marktberichte für die einzelnen Länder werden mit Spannung erwartet. Anfang der Woche wurden die Daten für Österreich veröffentlicht und sie zeigen klar, nachhaltige Geldanlagen sind weiterhin gefragt. Mit einem Plus von 30 Prozent im Vergleich zu 2019 liegt das Gesamtvolumen nachhaltiger Investments nun bei knapp über 38 Mrd. Euro. "Das exponentielle Wachstum, das nach der Finanzkrise begonnen hat, dauert an", freut sich Wolfgang Pinner, Leiter des FNG-Österreich und Leiter der Abteilung SRI in der Raiffeisen KAG. Berücksichtigt man zudem die Kapitalanlagen, für die Nachhaltigkeitskriterien auf Unternehmensebene verankert sind, ergibt sich zum 31. Dezember 2020 eine Gesamtsumme von rund 114,2 Mrd. Euro für verantwortliche Investments in Österreich.
Wie 2019 haben vor allem Privatanleger ihr Engagement deutlich gesteigert. Insgesamt 12,0 Mrd. Euro investierten sie in nachhaltige Fonds und Mandate, das sind um 5,3 Mrd. Euro mehr als zum Jahresende 2019. Dieses Wachstum um 78 Prozent führt dazu, dass private Anleger nun rund ein Drittel der in Österreich in nachhaltige Fonds und Mandate investierten Gelder halten. Auch aus den Reihen der institutionellen Anleger ist 2020 weiteres Kapital in nachhaltige Fonds und Mandate geflossen. Mit insgesamt 23,3 Mrd. Euro lagen ihre entsprechenden Kapitalanlagen um gut 14 Prozent über dem Vorjahresstand.
In den vergangenen 15 Jahren wurde der Markt maßgeblich von institutionellen Investoren dominiert, das hat sich also nun verändert. "2020 entwickelten sich die privaten Anleger zu wichtigen Treibern des Wachstums. Das Thema ist noch besser bei den Privaten angekommen", unterstreicht Pinner. Zum allgemeinen stärkeren Bewusstsein für gutes Geld tragen auch die Bankberater bei, so Pinner: "Immer mehr Berater setzen sich im Kundengespräch mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander, obwohl gemäß Mifid2 diese Verpflichtung erst auf uns zukommt."
Vor Deutschland
Der Anteil der nachhaltigen Fonds und Mandate ist im Vorjahr auf 19,8 Prozent angewachsen, also gut ein Fünftel des gesamten Fondsvolumens in Österreich ist mittlerweile "mit einer profunden Nachhaltigkeit ausgestattet". Für Pinner beeindruckende Zahlen, denn vor zwei, drei Jahren ist der Anteil noch im einstelligen Bereich gelegen und die Entwicklung gehe auch "sehr dynamisch weiter".
Der Markt in Deutschland ist noch nicht so weit wie der in Österreich, das zeigt der Ländervergleich. Der Marktanteil in Deutschland liegt bei 6,4 Prozent, aber auch dort gibt es ein starkes Wachstum. Unangefochtener Spitzenreiter in der DACH-Region bleibt die Schweiz, wo mehr als die Hälfte, konkret 52 Prozent, der Fondsgelder nachhaltig veranlagt sind. "Die Daten werden von der Systematik her nicht gleich erhoben, aber jedenfalls ist die Schweiz sehr gut unterwegs", so Pinner.
Zur Qualitätssicherung setzen die heimischen Fondsgesellschaften vorrangig auf das Umweltzeichen oder das FNG-Siegel. 65 Prozent aller nachhaltigen Fonds tragen ein qualitatives Nachhaltigkeitssiegel. Die nachhaltigen Anlagestrategien haben sich im Vorjahr nicht groß verändert: Ausschlusskriterien und normbasierte Screenings werden von 98 Prozent der Fonds verwendet. Kohle, Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Arbeitsrechtsverletzungen und Tabak stehen auf der No-Go-Liste weiterhin ganz oben. Auch die Qualitätsanalyse unter dem Motto "Best-in-Class" werden bei drei von vier Fonds verfolgt. Rund die Hälfte tritt auch mit den Unternehmen in Dialog -Stichwort Engagement.
Weiteres Plus erwartet
Für das laufende Jahr erwarten die im Rahmen des Marktberichts befragten Experten ein weiteres Wachstum des nachhaltigen Kapitalmarktes. 90 Prozent der Studienteilnehmer gehen für 2021 von einem Wachstum von über 15 Prozent aus. 37 Prozent rechnen sogar von einem Plus von mehr als 30 Prozent.
Die Schlüsselfaktoren für die weitere Entwicklung sind nach Einschätzung der Befragten Änderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen, die Nachfrage der institutionellen Investoren, verstärkte Marketingaktivitäten sowie die steigende Reputation dieser Anlageform. Auch das weiter steigende Interesse der Privatanleger werde zum Wachstum des Marktes beitragen.
Im Rahmen des EU-Aktionsplans Finanzierung nachhaltigen Wachstums sind bereits verschiedene Maßnahmen zur Weiterentwicklung des Marktes umgesetzt worden, unter anderem die Einführung der ersten Vorgaben der Offenlegungsverordnung im heurigen März. Weitere Impulse erwartet das FNG insbesondere von der Einführung der ESG-Präferenzabfrage im Oktober 2022. "Unsere Befragung hat aber auch gezeigt, dass aufgrund der hohen Geschwindigkeit der neuen Regulierungen nicht allen sofort alles klar ist. Nach der Offenlegungsverordnung war die Einordnung der Nachhaltigkeitsproduktpalette für die Marktteilnehmer nicht so einfach und natürlich bringt sie auch viele Herausforderungen etwa im Reporting und im Fondsmanagement", erklärt Pinner. Aber alles kein echtes Hindernis auf dem steilen Weg nach oben.
Quelle: Raiffeisenzeitung; Text: Elisabeth Hell
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