Energie wird wieder zum Inflationstreiber
Raiffeisen-Research-Chefanalyst Gunter Deuber warnt vor neuem Kaufkraftverlust und erklärt, warum Haushalte nur begrenzt gegensteuern können.
Herr Deuber, der aktuelle Konflikt im Nahen Osten führt zu steigenden Öl- und Gaspreisen. Welche konkreten Auswirkungen erwarten Sie in den kommenden Monaten auf Energiepreise und damit auf die Inflation für die heimischen Privathaushalte?
Gunter Deuber: Ein kurzer Ölpreisschock erhöht die Inflation 2026 nur minimal - nämlich um rund 0,2 Prozentpunkte auf 2,2 Prozent. Steigt der Ölpreis jedoch auf 150 US-Doller und bleibt dort für mehrere Monate, droht eine Teuerung von 3 bis 3,5 Prozent. Entscheidend sind Zweitrundeneffekte auf andere Güter und Lohnabschlüsse, da es sich wieder um eine importierte Inflation handelt. Da Energie in Österreichs Warenkorb nur ein Gewicht von 8 Prozent hat, könnte der direkte Inflationseffekt hier geringer ausfallen als im EU-Schnitt. Die Inflation sollte 2026 trotz des Konflikts unter dem Vorjahr (3,6 Prozent) bleiben. In Summe droht aber eher eine weitere Runde an Kaufkraftverlust.
Werden die Preise auch bei Lebensmitteln und Co. steigen?
Deuber: Ja, Supermarktpreise steigen durch höhere Transport- und Düngemittelkosten, besonders bei Obst und Gemüse. Da dies globale Marktmechanismen sind, bekämpfen bereits angekündigte staatliche Maßnahmen wie Mehrwertsteuersenkung nur Symptome und verlieren durch die Kriegsauswirkungen an Wirksamkeit. In Summe sollten die globalen Effekte bisher beschlossene Entlastungsmaßnahmen überkompensieren.
Sind ländliche Regionen wie Kärnten aufgrund von Faktoren wie Pendlerabhängigkeit, Heizstruktur oder Einkommen stärker von möglichen Energie- oder Preisschocks betroffen als urbane Regionen Österreichs?
Deuber: Das stimmt, ländliche Regionen sind stärker betroffen. Wer pendelt oder mit fossilen Brennstoffen heizt, spürt Preisschocks direkt. Kärnten ist durch die hohe Abhängigkeit von Ölheizungen besonders verwundbar. Daran lässt sich kurzfristig nichts ändern, auch wenn aktuelle Entwicklungen wieder eine Erinnerung sind, bei der Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern konsequent dranzubleiben. In Summe droht in Kärnten – wie teils auch in den letzten Jahren – ein Zuwachs als Wirtschaftsleistung unter dem Bundesschnitt. Je nach Konfliktfortgang könnte beim Wirtschaftswachstum in Kärnten 2026 auch nur eine schwarze Null stehen, bei einem BIP-Zuwachs in Österreich um die 0,5 bis 1 Prozent.
Welche Veränderungen im Konsumverhalten österreichischer Haushalte erwarten Sie bei einer erneuten Energiepreissteigerung – etwa bei Sparquote, Konsum oder Investitionen?
Deuber: Steigende Energiekosten wirken als Konsumbremse, da Kaufkraft von anderen Bereichen abgezogen wird. Zudem verhindert die steigende Unsicherheit Großanschaffungen; die Sparquote bleibt daher voraussichtlich hoch. Für Unternehmen ist die Energie- und Lieferkettenunsicherheit ein Investitionshemmnis. Zudem könnten die globalen realwirtschaftlichen Folgewirkungen der aktuellen Eskalation im Nahen Osten - etwa auf Asien - größer sein als in der "europäischen" Energiekrise 2022/2023.
Was kann oder soll die Regierung Ihrer Meinung nach unternehmen, um die Preiserhöhungen einzudämmen?
Deuber: Kurzfristige Markteingriffe sind kaum möglich und oft kontraproduktiv, so können Versorgungsengpässe bei Preisdeckeln entstehen. Die Regierung sollte nicht jede Marktbewegung abfedern, sondern den Wettbewerb stärken, um ungerechtfertigte Gewinnmitnahmen – Stichwort "Körberlgeld" – zu verhindern.
Welche Tipps haben Sie für einen Privathaushalt?
Deuber: Private Haushalte können erstmal nur auf die Preissignale reagieren und Mehrausgaben nur durch Minderausgaben an anderer Stelle kompensieren. So wie beim Staat sollte hier eine sinnvolle Rechnung stattfinden. Jetzt noch bestehende (Energie-) Verträge wechseln macht nur Sinn, wenn ich mir damit über das Jahr 2026 geringere Energiekosten festzurren kann. In Summe könnten die Energiekosten im Lichte aktueller Entwicklungen 2026 circa 20 bis 30 Prozent über dem Niveau des Vorjahres liegen.
Herr Deuber, vielen Dank für das Gespräch!