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Das war das Konjunkturforum 2026

Europa neu denken: Impulse für Wirtschaft, Technologie und Sicherheit

Das war das Raiffeisen Konjunkturforum 2026.

Gruppenfoto beim Konjunkturforum: Männer und Frauen auf der Bühne
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung

Wie viel wirtschaftliche, technologische und sicherheitspolitische Eigenständigkeit braucht Europa in Zukunft? Diese Frage stand im Mittelpunkt des 33. Raiffeisen Konjunkturforums im Casineum Velden. Rund 600 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft folgten der Einladung der Kärntner Raiffeisenbanken und der Kleinen Zeitung. Diskutiert wurden die Herausforderungen in einer Welt, die von geopolitischen Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und tiefgreifenden technologischen Umbrüchen geprägt ist.

Der gemeinsame Tenor des Abends war eindeutig: Europa verfügt über enorme wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Stärken. Entscheidend wird sein, diese Potenziale aktiv zu nutzen und die Zukunft des Kontinents selbstbewusst zu gestalten. Europa neu zu denken bedeutet dabei vor allem, Verantwortung zu übernehmen und ins Handeln zu kommen.

Europa neu denken beginnt mit Entscheidungen

Manfred Wilhelmer
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung

Den Abend eröffneten Manfred Wilhelmer, Vorstandssprecher der Raiffeisen Landesbank Kärnten und Xenia Daum, Geschäftsführerin der Kleinen Zeitung. Beide betonten, wie wichtig es gerade in unsicheren Zeiten ist, wirtschaftliche Entwicklungen einzuordnen und unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen. Das Konjunkturforum biete dafür seit vielen Jahren eine wichtige Plattform für Analyse, Austausch und neue Ideen.

Wilhelmer definierte "Europa neu denken" entlang von drei zentralen Dimensionen: Sicherheit, Digitalisierung sowie wirtschaftliche Unabhängigkeit. Sicherheit sei längst nicht mehr nur gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, sondern ein wirtschaftlicher Faktor, der Investitionsentscheidungen unmittelbar beeinflusse.

Digitale Infrastruktur habe heute eine ähnliche Bedeutung wie Energieversorgung, weshalb digitale Souveränität zu einer strategischen Standortfrage geworden sei. Zugleich plädierte Wilhelmer dafür, Wertschöpfung wieder stärker in Europa zu verankern. Made in Europe dürfe kein nostalgischer Begriff sein, sondern müsse als klares Wettbewerbsversprechen verstanden werden. Wertschöpfung in Europa zu halten oder neu aufzubauen bedeute, den Standort zu stärken, Abhängigkeiten zu reduzieren, um langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Dafür brauche es gezielte Investitionen, ein unternehmerfreundliches Umfeld und Tempo in der Umsetzung. "Europa neu denken beginnt nicht in Brüssel, sondern in unseren Unternehmen und mit den Entscheidungen von heute", betonte Wilhelmer. Die Investitionen der Unternehmen seien letztlich entscheidend dafür, ob Europa seine wirtschaftliche Stärke, technologische Kompetenz und strategische Unabhängigkeit nachhaltig sichern könne.

Besucher:innen des Konjunkturforums
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung
Besucher:innen des Konjunkturforums
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung
Xenia Daum
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung

Auch Xenia Daum ordnete die Diskussion als strukturellen Wendepunkt ein, der weit über eine klassische Konjunkturphase hinausgehe. Europa stehe vor geopolitischen Machtverschiebungen, technologischen Abhängigkeiten und sich ändernden Rahmenbedingungen, die Wirtschaft und Politik gleichermaßen fordern. Gerade deshalb brauche es starke Partnerschaften, verlässliche Rahmenbedingungen und eine sachliche öffentliche Debatte, die Orientierung gibt und unterschiedliche Perspektiven zusammenführt. Als Medienunternehmen verstehe sich die Kleine Zeitung nicht nur als Beobachterin, sondern als Plattform für wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Dialog. Veranstaltungen wie das Raiffeisen Konjunkturforum seien zentrale Orte, an denen Verantwortungsträger zusammenkommen, um gemeinsam Zukunft zu gestalten. "Dieser Wendepunkt muss kein Moment der Unsicherheit sein, sondern kann ein Moment des Aufbruchs werden", so Daum.

Wirtschaftliche Perspektiven: Europa an einem fragilen Wendepunkt

Wie stark geopolitische Entwicklungen die wirtschaftliche Lage Europas prägen, machte Gunter Deuber, Head of Raiffeisen Research, deutlich. Die europäische Konjunktur befinde sich grundsätzlich auf einem Erholungspfad, dieser sei jedoch äußerst fragil und anfällig für externe Schocks. Besonders die Entwicklung im Nahen Osten und die Energiepreissituation entscheiden in naher Zukunft darüber, ob sich der Aufschwung fortsetzt oder erneut ins Stocken gerät.

Kurzfristig komme es darauf an, ob sich die Lage stabilisiere und die Energiepreise auf einem für die Wirtschaft verkraftbaren Niveau bleiben. In diesem Fall sei zwar mit gedämpftem, aber positivem Wachstum zu rechnen. Ein länger anhaltender geopolitischer Konflikt mit dauerhaft hohen Energiepreisen würde jedoch erhebliche Risiken bergen und Europa in ein Szenario mit schwachem Wachstum und steigender Inflation führen.

Gunter Deuber
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung

Deuber verwies zudem auf die asymmetrische Betroffenheit der Wirtschaftsräume: Während die USA geopolitische Risiken wirtschaftlich besser abfedern könnten, sei Europa deutlich stärker von Energieimporten und externen Abhängigkeiten geprägt.

Unabhängig von geopolitischen Entwicklungen sieht Deuber eine strukturelle Schwäche, die es zu adressieren gelte: die geringe Investitionsdynamik. Gerade in Österreich seien Investitionen derzeit zu zurückhaltend, um einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung zu tragen. Für eine robuste Entwicklung brauche es deutlich mehr Investitionen, insbesondere in Infrastruktur, Industrie und Zukunftstechnologien.

 

Europa neu denken heißt, die Komfortzone zu verlassen

Kerstin Plehwe
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung

Einen bewusst pointierten Impuls setzte die Politikanalystin und internationale Strategieberaterin Kerstin Plehwe. Sie sprach von einem Weckruf, dem sich Europa nicht länger entziehen könne. Die Welt befinde sich in einer Phase permanenter Krisen, geprägt von geopolitischen Spannungen, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender Unsicherheit. Diese Dauerverunsicherung habe weitreichende Folgen: Sie untergrabe Vertrauen, schwäche gesellschaftlichen Zusammenhalt und gefährde langfristig auch wirtschaftliche Stabilität.

Plehwe warnte davor, diese Entwicklungen aus der Komfortzone heraus zu beobachten oder zu verharmlosen. Europa neige dazu, sich als Zusammenschluss zu verstehen, nicht jedoch als handlungsfähige Einheit. Gerade darin liege eine zentrale Schwäche.

Als einer der stärksten Wirtschaftsräume der Welt verfüge Europa über enorme Potenziale, nutze diese jedoch zu wenig selbstbewusst. "Die Zeit der Harmonie haben wir gehabt, jetzt beginnt die harte Arbeit an unserer Zukunft", sagte Plehwe. Demokratie, Vertrauen und wirtschaftliche Stärke seien untrennbar miteinander verbunden. Wer sie erhalten wolle, müsse jetzt aktiv handeln.

Sicherheitspolitik als Standort- und Wirtschaftsfaktor

Auch sicherheitspolitische Fragen rückten beim Konjunkturforum in den Fokus. Harald Vodosek, nationaler Rüstungsdirektor im Bundesministerium für Landesverteidigung, stellte klar, dass Sicherheit die Grundlage für Freiheit, Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung sei. Landesverteidigung diene nicht militärischen Selbstzwecken, sondern dem Schutz der liberalen Demokratie und jenes Rahmens, in dem Innovation und unternehmerischer Erfolg möglich werden.

Zugleich habe Sicherheitspolitik auch eine wirtschaftliche Dimension. Das Bundesheer zähle zu den bedeutenden öffentlichen Auftraggebern und investiere laufend in Beschaffungs‑, Infrastruktur‑ und Technologieprojekte. Ein zentraler Fokus liege darauf, Wertschöpfung im Inland zu halten und heimische Unternehmen stärker einzubinden. Sicherheit werde damit zu einem integralen Bestandteil von Standortpolitik und wirtschaftlicher Resilienz.

Harald Vodosek
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Digitale Souveränität als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit

Matthias Nöbauer
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Dass wirtschaftliche Stärke heute eng mit technologischer Unabhängigkeit verbunden ist, machte Mathias Nöbauer, CEO von Exoscale und Director Cloud bei A1 Digital, deutlich. Digitale Infrastruktur sei längst zu einem zentralen Standortfaktor geworden. Während früher vor allem Datenschutz, Kosten und Leistungsfähigkeit von Cloud‑Anbietern im Vordergrund standen, rücke zunehmend eine grundlegendere Frage in den Fokus: Wer betreibt die digitale Infrastruktur, auf der Unternehmen und Institutionen aufbauen? "Niemand hat die Cloud‑Anbieter an sich hinterfragt", so Nöbauer.

Digitale Abhängigkeiten seien daher keine rein technische Frage, sondern eine Wohlstands‑ und Wettbewerbsfrage. Spätestens seit dem US‑Cloud‑Act sei vielen Unternehmen bewusst geworden, wie stark digitale Infrastruktur politischen Rahmenbedingungen unterliegt. Umso wichtiger sei es, europäische Alternativen zu stärken, Exit‑Strategien mitzudenken und digitale Wertschöpfung in Europa zu halten. Europäische Cloud‑ und Softwareanbieter seien international konkurrenzfähig und könnten auch global erfolgreich sein.

 

Austausch und Dialog

Im Anschluss an die Vorträge diskutierten die Referent:innen gemeinsam über zentrale Zukunftsfragen Europas. Die Diskussion wurde von Uwe Sommersguter, Leiter des Wirtschaftsressorts der Kleinen Zeitung, moderiert. Viele der rund 600 Gäste nutzten danach die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Gespräche, neue Kontakte und intensive Diskussionen prägten den weiteren Abend im Casineum Velden.

Auch in seiner 33. Ausgabe zeigte das Raiffeisen Konjunkturforum damit einmal mehr, wie wichtig Plattformen für fundierte wirtschaftliche Diskussionen, Orientierung und Impulsgeber sind – gerade in Zeiten, in denen Europa vor grundlegenden Weichenstellungen steht.

 

Podiumsgäste auf Bühne
© Helmuth Weichselbraun | Kleine Zeitung