„Die Krise ist wie ein Brennglas“
Vorarlberg ist gut aufgestellt, um rasch aus der Corona-Krise zu kommen. Regionale Banken spielen dabei eine wesentliche Rolle. Darin sind sich der langjährige Wirtschafts-Landesrat Karlheinz Rüdisser und der Vorstand der Raiffeisenbank Montfort, Stefan Vetter, einig. „Business as usual“ wird es trotzdem nicht geben. Ein Gespräch über Herausforderungen und Chancen des Wirtschaftsstandorts.
Herr Rüdisser, Sie wurden 2008 mitten in einer Wirtschaftskrise zum Wirtschafts-Landesrat bestellt und sind 2019, kurz vor Beginn der Coronakrise aus der Landesregierung ausgeschieden. Mit etwas Abstand: Wie sehen Sie als langjährig Verantwortlicher die aktuelle Situation?
Karlheinz Rüdisser: Es gibt nichts zu beschönigen, wir sind mitten in einer massiven Krise. 2008 und 2009 war die Ursache eine Spekulationsblase, jetzt ist es die Pandemie. Auch wenn die Ursachen sehr unterschiedlich sind: In beiden Krisen hilft uns die breite Auffächerung der Vorarlberger Wirtschaft auf verschiedene Branchen. Das trägt wesentlich zu unserer Resilienz bei. Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.
Aus meiner Sicht haben Österreich, vor allem aber auch Vorarlberg die Krise insgesamt sehr gut gemanagt. Kurzarbeit, Hilfspakete und Stundungen helfen den Unternehmen durch die Krise. Diese Hilfsmaßnahmen verdecken im Moment aber noch viele Probleme, die in den nächsten Monaten und Jahren auf uns zukommen.
Stefan Vetter: Die Branchen sind natürlich sehr unterschiedlich betroffen. Tourismus, Kultur und Veranstaltungen, aber auch Teile des Handels und der Dienstleistungen leiden massiv. Die Auftragslage in der Industrie und am Bau ist gut. Private investieren in ihren Wohnraum.
Insgesamt hat sich die Vorarlberger Wirtschaft gut behauptet. Die Maßnahmen der Regierung haben eine gewisse Stabilisierung bewirkt. Die Hilfe ist relativ rasch bei den Unternehmen angekommen. Wir hatten bis dato noch keine größeren Zahlungsausfälle, das ist ein sehr erfreuliches Zeichen. Wir haben vorsichtshalber ausreichend Vorsorge für allfällige Risiken getroffen.
Welche Rolle hatten die regionalen Banken in der Bewältigung der Krise?
Vetter: Wir verstehen uns als finanzieller Nahversorger und Partner vor Ort – in guten, aber auch in diesen schwierigen Zeiten. Wir kennen die regionalen Unternehmen meist schon sehr lange und kennen ihre Bedürfnisse sehr gut. Wir können rasch Entscheidungen direkt vor Ort treffen und unbürokratisch helfen.
Rüdisser: Die regionalen Banken haben für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg strategisch betrachtet eine große Bedeutung, gerade in der Krise. Durch ihre Nähe zum Kunden können sie sehr gut beurteilen, ob es sich um ein vorübergehendes oder um ein strukturelles Problem handelt. So können Banken und Unternehmen gemeinsam gute Lösungen finden.
Vor allem der Bund hat sich in der Krise massiv verschuldet, Länder und Gemeinden haben ebenfalls Mehrausgaben. Gleichzeitig droht ein massiver Entfall von Einnahmen. Wer soll das bezahlen?
Rüdisser: Wir haben ein historisch niedriges Zinsniveau, derzeit entstehen also fast keine Zinsverpflichtungen. Grundsätzlich gilt der Leitsatz: Solange das Wirtschaftswachstum höher ist als das Zinsniveau, sinken die Schulden. Auch nach der Krise 2008 hat Österreich seine Schulden dank eines guten Wachstums von rund 80 auf 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts reduziert. Von daher bin ich durchaus optimistisch, dass im Verbund mit einer konsequenten Finanzpolitik nach der Krise ein Abbau der Schulden erfolgen kann.
Also ist Wachstum die Antwort? Alles weiter wie bisher? Was muss sich ändern?
Rüdisser: Wachstum erleichtert jedenfalls die Bewältigung der Folgen der Krise signifikant. Das heißt aber nicht: Machen wir alles weiter wie bisher. Die Krise wirkt wie ein Brennglas, sie legt die Schwächen eines Systems offen. Ein Thema sind sicher die internationalen Verflechtungen der Wirtschaft. Lieferungen erfolgen just in time. Unterbrechungen der Lieferketten haben gravierende Auswirkungen auf die Produktion. Man spürt, wie fragil dieses System ist.
Vetter: Hier sind die Unternehmen gefordert. Sie müssen ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen und an die neuen Gegebenheiten anpassen. Eine strategische Überlegung ist dabei beispielsweise, Abhängigkeiten zu reduzieren: durch eine stärkere Lagerhaltung oder ein Ausweichen auf mehrere Lieferanten aus verschiedenen Ländern. Wichtig ist auch, dass wir Schlüsseltechnologien in Europa haben und nicht jeden einzelnen Mikrochip in China fertigen lassen.
Vorarlbergs Wirtschaft lebt von einem hohen Exportanteil, gleichzeitig sollen wir stärker in Europa produzieren und die Banken agieren regional. Ist das nicht ein Widerspruch?
Rüdisser: Der Standort Vorarlberg ist abhängig von der Möglichkeit, seine Produkte international abzusetzen. Blum, Grass, Doppelmayr, Zumtobel sind alle internationale Technologieführer in ihrem Bereich und brauchen den Weltmarkt. Aus meiner Sicht geht es darum, die Risiken strategisch zu managen: Wie komme ich ein Stück aus der Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten? Welche Puffer brauche ich, um die Produktion am Laufen zu halten? Diese Fragen werden nach der aktuellen Krise von den Unternehmen sicher neu bewertet.
Vetter: Ich sehe das nicht als Widerspruch, sondern vielmehr als ideale Ergänzung. Wir sind ein regionaler Bankpartner mit internationalem Netzwerk. Wir kennen unsere Kunden und ihre Geschäftsmodelle und unterstützen sie flexibel. Dadurch sind wir als Regionalbank die ideale Begleitung für international aber auch regional ausgerichtete Unternehmen.
Sie setzen zur Bewältigung der Krise auf Wirtschaftswachstum. Welche Rahmenbedingungen muss die Politik setzen?
Rüdisser: Das wichtigste ist Bildung, Bildung und nochmal Bildung. Wir erleben selbst jetzt in der Krise, dass Fachkräfte gesucht werden. Die Anforderungen an den Arbeitsmarkt ändern sich laufend. Darauf müssen wir mit entsprechenden Angeboten reagieren, in der Lehre, in der Aus- und Weiterbildung. Außerdem muss die öffentliche Hand für eine hervorragende Infrastruktur sorgen: das betrifft Straßenverbindungen genauso wie den öffentlichen Verkehr, die Telekommunikation oder die Energieversorgung.
Vetter: Kurzfristig helfen die Maßnahmen der Regierung, um wieder zum Wachstum zurückzukehren: Kurzarbeit, Haftungen, Hilfspakete. Sehr positiv wirkt sich auch die Covid-Investitionsprämie aus, die viele Unternehmen veranlasst hat, Investitionen vorzuziehen. Wir Banken sind dann die richtigen Partner bei der Umsetzung. Wir können den Unternehmen die nötige Liquidität zur Verfügung stellen und sie beim Beantragen von Förderungen unterstützen.
Wachstum bedeutet zusätzlichen Verbrauch von Material, von Energie, von Flächen. Gerade angesichts des Klimawandels, stellen sich immer mehr Menschen die Frage: Wo sind die Grenzen des Wachstums?
Rüdisser: Mich wundert, dass das Wort so negativ besetzt ist. Wachstum bedeutet nicht ausschließlich rauchende Schlote. Wachstum bedeutet auch Investitionen in hocheffiziente Heizungsanlagen, ins Energiesparen, in Digitalisierung, in Bildung. Wenn zum Beispiel die Illwerke 650 Millionen Euro in das Kraftwerk Kops II wachstumsfördernd investieren, kommt das direkt dem Kampf gegen den Klimawandel zugute, weil die dort erzeugte Energie die Schwankungen aus Windkraft und Photovoltaik ausgleicht. Wenn uns in Vorarlberg etwas fehlt für das weitere Wachstum, sind es ausreichend große Betriebsflächen zu kompetitiven Preisen.
Vetter: Für mich sind Umweltschutz und Wachstum kein Widerspruch. Es geht um die Transformation: Wie muss sich unsere Wirtschaft weiterentwickeln, um den Anforderungen des Klimaschutzes gerecht zu werden? Dieses qualitative Wachstum zu schaffen, ist die zentrale Herausforderung für unseren Lebens- und Wirtschaftsraum.
Was bedeutet das für die Raiffeisenbank Montfort hier in der Region?
Vetter: Unser Mehrwert, unsere Existenzberechtigung als Regionalbank liegt in der Nähe zu den Kunden. Wir müssen hervorragende digitale Services und den persönlichen Kontakt zu den Menschen mit maßgeschneiderten Dienstleistungen verbinden. Wir waren in der Krise für sie da und sind es nun auch im Aufschwung. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der Region.
Danke für das Gespräch.
Mag. Karlheinz Rüdisser hat die Vorarlberger Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte entscheidend geprägt. Von 1986 bis 2008 leitete er die Wirtschaftsabteilung im Amt der Vorarlberger Landesregierung. Von 2008 bis zur Landtagswahl 2019 gehörte er als Wirtschafts-Landesrat der Landesregierung an.
Mag. Stefan Vetter ist seit 2000 Geschäftsleiter und Mitglied des Vorstands der Raiffeisenbank Montfort. Er ist Marktverantwortlicher für die Region Feldkirch und fungiert als Vorstandsmitglied der Raiffeisen Montfort Stiftung. Er verfügt über die Gewerbeberechtigungen für Unternehmensberatung und Vermögensberatung.