Nachgefragt bei Aufsichtsrat Prof. DI Dr. Gerald Mathis

Über 25 Jahre engagiert sich Gerald Mathis für die Raiffeisenbank Bodensee-Leiblachtal: zunächst im Vorstand der Raiffeisen Höchst, inzwischen als Aufsichtsrats-Mitglied. Wie der Leiter des ISK-Instituts für Standort-, Regional- und Kommunalentwicklung in Dornbirn von den Anliegen der Mitglieder erfährt und welche Bedeutung dabei regionale Vereine und Banken haben, verrät er im Interview.

Aufsichtsrat Prof. DI Dr. Gerald Mathis

Herr Mathis, derzeit hat die Raiffeisenbank Bodensee-Leiblachtal rund 6.800 Mitglieder, also eine große Zahl. Wie hört man als Aufsichtsrat die Wünsche und Anliegen der Mitglieder?

Ein Aufsichtsrat sollte in seinem Marktgebiet entsprechend vernetzt sein und so die Wünsche der Mitglieder hören. Ich selbst bin etwa gut vernetzt, Mitglied im Musik-, Geschichts- und dem Yachtverein und war bis jetzt auch immer Ersatzmitglied der Fußacher Gemeindevertretung. Die Vernetzung ist vor allem über Vereine gegeben. Gerade sie haben eine ganz große herausfordernde Aufgabe, und zwar eine Sozial- und Identitätsaufgabe.

 

Was heißt das konkret?

Ich kann es am Beispiel des Musikvereins erklären: Musizieren ist eine Tätigkeit, die psychosozial stärkt. Als Musikant muss ich mich innerhalb eines Teams eingliedern, ich muss mithören, mitzählen und schließlich in den gemeinsamen Flow kommen. Dieses gemeinsame Agieren ist psychosozial ganz wichtig. Und noch etwas: Hier kommen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, von ganz jungen bis hin zu älteren Mitgliedern zusammen. Ich selbst habe dadurch viel Kontakt zu jungen Menschen. Und da kann es durchaus sein, dass ein junger Kollege aus dem Verein auf mich zukommt und mir sagt, dass ihm die Konditionen beim Kredit nicht passen. So kommt also das Feedback auf kurzem Wege zurück zu mir als Aufsichtsrat.

 

Hat eine Regionalbank wie die Raiffeisenbank Bodensee-Leiblachtal hier Vorteile gegenüber einer Großbank?

Wir haben ja in Vorarlberg noch mehrere solcher regionaler Banken. Sie alle machen regionale Wirtschaftsentwicklung, was aus unserer Sicht ein ganz zentraler Punkt ist. Es ist ein Unterschied – und das sage ich auch meinen Mitgliedern – ob meine Kreditentscheidung in Mailand gefällt wird oder hier. Und wenn sie schon in Innsbruck gefällt wird, dann ist sie anders, als wenn man sich persönlich kennt. Diese Vernetzung und Regionalität hier sind ein enormes Positivum. Das können wir nicht oft genug betonen! Natürlich können wir manchmal bei den Konditionen nicht mithalten, vor allem im Kommunalgeschäft. Aber wir müssen uns bewusst sein – und das hat ja die Corona-Krise auch gezeigt -, dass diese Regionalwirtschaft und diese direkte Vernetzung wichtig sind. Da glaube ich fest daran! Ich glaube auch, dass das Genossenschaftsmodell ein Zukunftsmodell ist. Weil dabei aus der Region heraus die Kraft entsteht, Dinge selber zu händeln. Das hat auch mit einem gewissen Selbstwert zu tun. Denn überall, wo eine Abhängigkeit von außen besteht, da habe ich einen geringeren Selbstwert, auch standortsoziologisch. Die Genossenschaft stärkt diese Hilfe zur Selbsthilfe. Und das kommt auch der Wirtschaft zugute: Bei der Raiffeisenbank Bodensee-Leiblachtal achten wir darauf, dass Kredite an heimische Betriebe vergeben werden.

 

Stichwort Corona: Wie hat sich die Krise auf die Banken ausgewirkt?

Corona hat wie unter einem großen Brennglas viele Dinge aufgezeigt, die vorher schon da waren, aber jetzt plötzlich klar geworden sind. Sicher hat sich dadurch das Bewusstsein verändert, dass wir nicht nur alle in China einkaufen können. Und dass wir die Grundlagen der Daseinsvorsorge – dazu gehört auch Geld – vor Ort halten müssen. Ich bin ein großer Verfechter dieses regionalen Bankensystems, egal wo das ist. Ich halte nichts von Zentralen in Mailand, damit muss man sehr aufpassen. Wir sehen auch, dass Regionalbanken immer wieder in einen Topf mit Großbanken geworfen werden, das ist imagemäßig ein Problem. Bei der Raiffeisenbank Bodensee-Leiblachtal sind wir jedoch im klassischen Bankgeschäft, in dem Einlagen gegen Kredite vergeben werden, tätig. Das ist ein ehrliches Geschäft und das ist heute notwendiger denn je! Generell habe ich den Eindruck, dass es die regionalen Banken während Corona gut gemacht haben! Es gab keine Kurzarbeit, das Geschäft lief weiter. Aber wie sich der Druck aus der Wirtschaft auf die regionalen Banken auswirken wird, das wird sich erst noch zeigen!

 

Danke für das Gespräch, Herr Mathis!