Inflation – berechtigte Sorge?

2021 ist mit weiteren Preissteigerungen zu rechnen. Langfristig sind strukturelle Änderungen preisbestimmend.

Anstieg der Verbraucherpreise

Seit Jahrzehnten hat es nicht so starke Preissteigerungen bei Rohstoffen und Vorprodukten bei Unternehmen gegeben. Die Umfragen der Einkaufsmanager in Europa und den USA für April weisen neue Rekordwerte aus. Doch viele Ökonomen verbannen das Thema Inflation noch immer ins Reich der Geister. Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Denn Inflation gibt es schon fast zwei Jahrzehnte, nur nicht auf den Güter-, sondern auf den Finanzmärkten. Die extrem expansive Geldpolitik vieler Notenbanken hat Aktien- & Anleihekurse, Immobilienpreise und Gold markant nach oben getrieben. Das globalisierte Angebot hat andererseits vor allem bei dauerhaften Konsumgütern für hohen Preisdruck und daher nur marginale Preisentwicklung gesorgt. Daher sind die Verbraucherpreise in der Eurozone in den letzten zehn Jahren nur um durchschnittlich 1,2 % angestiegen. Die österreichischen Haushalte wurden mit +2,0 % p. a. deutlich mehr zur Kasse gebeten. Hartnäckige Preissteigerungen bei Dienstleistungen zwischen 2 und 3 % pro Jahr waren dafür ausschlaggebend. Und teilweise schlugen sich auch die Immobilienpreise auf die Wohnungskosten nieder. Mit +5,8 % (März 2021) sind diese zu einer ständigen Belastungsprobe speziell für Geringverdiener geworden und nicht zu unterschätzen. Niedrigeinkommen haben die Teuerung insgesamt aber schon bisher mehr gespürt.

Zwangssparen und der Mikrowarenkorb

Der Mikrowarenkorb, welcher die Güter des täglichen Bedarfs in Österreich widerspiegelt, hat von 2016 bis 2020 durchschnittlich um 2,3 % jährlich zugelegt, also mehr als von der Europäischen Zentralbank (EZB) als Preisziel postuliert wird.

Wenn 2021 die Verbraucherpreise deutlich gegenüber dem Vorjahr zulegen werden, ist dies noch kein Zeichen einer Inflationsgefahr, sondern primär den niedrigen Energie- und Güterpreisen von 2020 geschuldet. In diesem Jahr werden Öl- und Servicepreisanstiege die Inflationsrate, welche im März 2021 2,0 % betrug, in der zweiten Jahreshälfte eventuell sogar Richtung 3 %-Marke pressen. Doch da der größte Nachfragestau aus dem Zwangssparen sich in den kommenden 18 Monaten auflösen sollte, stehen die Chancen gut, dass die Teuerungsrate im Verlauf von 2022 wieder unter die 2 %-Marke zurückfällt.

Fiskalpolitik

Auf längere Sicht muss jedoch festgehalten werden, dass eine Reihe von Gründen für ein Ende des preisdämpfenden Umfeldes spricht. So werden seit der COVID-19-Pandemie die globalen Wertschöpfungsketten auf ihre Stressresistenz geprüft und es bahnen sich kürzere, aber damit preisintensivere Produktionssysteme (Ökonom Gabriel Felbermayr) an, die auch den Konsumenten erreichen können. Ein wesentlicher Faktor ist auch die Fiskalpolitik, die seit COVID-19 global noch nie so starke Ausweitungen von Budgetdefiziten und damit vielerorts neue Verschuldungshöchststände hervorgerufen hat. Da in den kommenden Jahren ein frühzeitiges Ende der öffentlichen Unterstützungsmaßnahmen für Unternehmen und private Haushalte politisch unerwünscht ist, wird die staatliche Nachfrage weiterhin hoch bleiben und die Verschuldung nach oben treiben. Steigende Preise wären da nicht unerwünscht, weil sie zu höheren Steuereinnahmen und Entwertung der Schulden führen.

USA

In den USA sind die Fiskalprogramme so groß dimensioniert, dass selbst eingefleischte Keynesianer, wie der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers und Ex-IWF-Chefökonom Olivier Blanchard, ihre kritische Stimme zu Joe Bidens 1.900-Mrd.-USD-Hilfsprogramm erhoben. Summers warnte vor Inflationsdruck in einem Ausmaß, „wie wir es seit einer Generation nicht mehr gesehen haben“ (7.2.2021). Das zusätzliche 2.300-Mrd.-USD-Infrastrukturprogramm war da noch gar nicht spruchreif. Bei dynamischem realem BIP-Wachstum von über 6 % in diesem und über 4 % im nächsten Jahr ist es durchaus möglich, dass die US-Produktion mit dem Nachfrageschub nicht nachkommt.

Verknappung der Arbeitskraft

Doch das dürfte sich in den kommenden 10 Jahren ändern, denn der demografische Wandel drängt immer mehr Menschen in die Pensionssysteme und der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung nimmt mit Ausnahme Afrikas weltweit spürbar ab. Aber selbst wenn die Verknappung der Arbeitskräfte keinen signifikanten Lohndruck verursacht, weil die Produktivität wieder steigt, eine alternde Bevölkerung hat einen anderen Warenkorb mit weit mehr nachgefragten Dienstleistungen. Und diese haben schon jetzt deutlich höhere Preisanstiege als dauerhafte Güter. Zusätzlich entsparen Menschen im Pensionsalter, um das Konsumniveau aus der Aktivzeit zu halten. Da die Geldmengenversorgung der Notenbanken extrem expansiv bleiben dürfte, wird somit in Hinkunft ein höherer Teil des Geldmengenwachstums wieder in den Wirtschaftskreislauf fließen. Die Finanzmarkt-Inflation sollte sich dann dem Ende zuneigen, aber vor allem die Dienstleistungen werden begehrter denn je sein – und damit teurer als bisher. Von Hyperinflation sind wir aber meilenweit entfernt.

Peter Brezinschek  Chefanalyst Raiffeisen RESEARCH

 

Autor: Mag. Peter Brezinschek, Global Head of Research der Raiffeisen Bank International 

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