Zeitenwende auch am Kapitalmarkt
Die stark gestiegene Inflation, die Zinswende und der russische Krieg gegen die Ukraine mit all seinen Folgen hinterlassen tiefe Spuren. Auf welche Entwicklungen sich Investoren und Anleger einstellen müssen, analysieren die Finanzexperten von Raiffeisen Research.
Die geopolitische Zeitenwende, die der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst hat, zieht auch die Wirtschaft und den Kapitalmarkt immer stärker in ihren Sog. Vor allem die Verhärtung der hohen Inflation hat die Geldpolitik zum energischen Handeln gedrängt. Im Oktober scheint in Österreich mit 11 Prozent vorerst ein Höhepunkt bei der Teuerung erreicht worden zu sein, im November lag die Inflation ersten Schätzungen zufolge bereits etwas darunter. Für heuer erwartet Raiffeisen Research eine Jahresinflation von 8,2 Prozent, nächstes Jahr dürfte sich die Lage mit 6 Prozent etwas entspannen. Von dem 2-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) ist man aber noch meilenweit entfernt. Damit werde der Kaufkrafterhalt auch am Kapitalmarkt eine herausfordernde Aufgabe.
„Wir befinden uns von einem relativ hohen Konjunkturniveau kommend in einem geordneten, langsamen Wirtschaftsabschwung“, erklärte Gunter Deuber, Leiter und Chefökonom von Raiffeisen Research. Für heuer wird in Österreich ein Wirtschaftswachstum von 5 Prozent erwartet, wobei die Dynamik im zweiten Halbjahr deutlich abkühlt. Fürs Winterhalbjahr 2022/23 steht sogar eine „klassische Rezession“ im Raum. Ab dem zweiten Quartal 2023 könnte dann ein zögerlicher Aufschwung einsetzen, der Österreich im Gesamtjahr 2023 ein marginales Wachstum von 0,5% bescheren sollte. Ein Grund dafür sei, dass die EU ihre Energieengpässe zumindest so weit im Griff habe und keine „harten“ Rationalisierungen notwendig werden dürften, so Deuber.
Hohe Verluste auch bei Anleihen
Die Zinswende der EZB ist aber auch auf dem festverzinslichen Markt deutlich sichtbar. "Nahezu einmalig in der Geschichte präsentierte sich heuer die Entwicklung auf den Fixed-Income-Märkten. Anleihen allgemein und auch sichere Staatsanleihen verbuchten dieses Jahr hohe zweistellige Marktwertverluste, in einer ähnlichen Größenordnung wie jene an den Aktienmärkten", betonte Jörg Bayer, Anleihen-Experte bei Raiffeisen Research. In allen Segmenten habe man dieses Jahr die Performance der letzten fünf Jahre verloren. Durch die lange Dauer der Null- und Negativzinsen waren viele Portfolios darauf ausgerichtet, einerseits nie wieder höhere Zinsen und andererseits eine Inflation von höchstens 2 Prozent zu sehen. Durch die lange Dauer dieses Zustandes haben immer weniger Marktteilnehmer mit einer Trendumkehr geplant.
Aktien unter Druck
Das neue Umfeld brachte eine Zeitenwende auch auf den Aktienmärkten. "Der Doppelschlag aus Geo- und Geldpolitik hat dafür gesorgt, dass sich die Aktienmärkte über alle Regionen hinweg im tiefroten Bereich befinden", betonte Christian Hinterwallner, Leiter der Aktienanalyse bei Raiffeisen Research. Auffällig war, dass nahezu alle Regionen – egal ob Industrienationen oder Emerging Markets – seit Jahresbeginn Kursverluste verzeichneten. Sektorseitig war lediglich der Bereich Energie mit einem Plus von über 50 Prozent seit Jahresanfang der einzige positive Ausreißer, da dieser Sektor vom starken Ölpreis profitierte. "Viele dieser vorteilhaften Faktoren dürften sich 2023 aber umkehren. Da auf die Unternehmen höhere Energie-, Arbeits- und Finanzierungskosten zukommen und Zufallsgewinnsteuern bei Versorger- und Energietiteln anstehen, gehen wir von einem erhöhten Margendruck für 2023 aus", so Hinterwallner.
Zudem dürften die Notenbanken im Falle einer Rezession die Zinsen angesichts des unsicheren Marktumfeldes nicht senken wie in vergangenen Krisen, sondern diese eher auf einem höheren Niveau verharren lassen. "Wir stehen am Kapitalmarkt vor ganzen neuen Mustern und das kommt nun auch immer mehr in die Köpfe hinein", fasste der Aktienmarkt-Experte zusammen.
Aktienmärkte vs. Kreditmärkte
Die "Alternativlosigkeit von Aktien" geht zu Ende
Die Raiffeisen-Research-Experten sind sich einig: Sie sehen ein Ende der nachfragegetriebenen Aktienmarktübertreibungen der letzten Jahre und erwarten ein gesünderes und ausgeglicheneres Veranlagungsumfeld. Die Alternativlosigkeit von Aktien geht zu Ende.
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Stand: Dezember 2022