Was Banken über den Digitalen Euro wissen müssen

Univ.-Prof. Dr. Robert Holzmann, Heft 9/2021

Nicht nur das wirtschaftliche Umfeld, auch die Behörden haben dem heimischen Bankensektor in jüngster Zeit viel abverlangt: In den letzten Jahren mit Regulierungen und Vorgaben zum Kapitalaufbau. Und nun auch mit der Aussicht, möglicherweise bald mit einem Digitalen Euro der Zentralbanken umgehen zu müssen bzw. zu lernen. Beide Zumutungen stoßen bei Banken nicht nur auf ungeteilte Freude, sind aber notwendig und im Eigeninteresse des Bankensektors, um für eine wirtschaftliche Zukunft gerüstet zu bleiben, die nun mal keine Schönwetter-Garantien bereithält.

Die Bemühungen zur Stärkung des Kapitalaufbaus trugen erste Früchte: Der österreichische Bankensektor hat die Realwirtschaft trotz des herausfordernden Umfelds im Jahr 2020 verlässlich begleitet. Beim Stresstest der Europä­ischen Aufsichtsbehörden vor dem Sommer 2021 zeigten sich die österreichischen Banken widerstandsfähig, insgesamt landeten sie im europä­ischen Mittelfeld. Das zeigt, dass der eingeschlagene Weg richtig, aber noch nicht zu Ende gegangen ist: Die Banken müssen weiter an ihrer Kosteneffizienz arbeiten, die Profitabilität verbessern und bei Gewinnausschüttungen Zurückhaltung üben, um Kapital aufzubauen. Doch damit nicht genug der anstehenden Aufgaben. 

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© Dieter Steinbach

Eine der wesentlichen strukturellen Herausforderungen für den Bankensektor, um sich für die Zukunft zu wappnen, sind Umwälzungen im Zahlungsverkehr. Die Intensität dieser Umwälzungen hat derart zugenommen, dass auch Zentralbanken beschlossen haben, bei diesem Thema einen Gang zuzulegen, um sich am digitalen Massenzahlungsverkehr notfalls selbst verstärkt einzubringen. Nach der Veröffentlichung eines ersten Berichts im Herbst 2020, daran anschließenden längeren Diskussionen, Konsultationen und Vorstudien hat das Eurosystem im Juli 2021 beschlossen, eine Projektuntersuchungsphase zu einem möglichen Digitalen Euro zu starten. Das Ziel: Vorbereitet zu sein, falls unser derzeit gut ausgestattetes Zahlungssystem in einigen Jahren eine Ergänzung durch digitales Zentralbankgeld für Alltagszahlungen braucht. Wie könnte es dazu kommen?

Globaler Trend „neues Bezahlen“

Fokussiert man den Blick auf den jüngsten Anstieg an Kartenzahlungen zulasten von Bar-Zahlungen während der Pandemie, mag der Eindruck entstehen, Banken fiele hier eine rosige Zukunft als Digitalisierungs-Gewinnerinnen quasi in den Schoß.

Doch umfassende Digitalisierung der Wirtschaft und ein beschleunigter Wandel der Zahlungsgewohnheiten lassen eine Zukunft möglich erscheinen, in der „Zahlen Sie bar oder mit Karte?“ nicht mehr die zentrale Frage ist, um das Spektrum der Bezahlmöglichkeiten im Alltag der Menschen zu beschreiben.

Wie eine solche mögliche, plausible Zukunft aussehen könnte, lässt sich in China studieren – und das schon lange bevor das im Westen heute gern zum bedrohlichen Mythos verklärte Digitalgeld-Projekt der Zentralbank gestartet wurde. In der chinesischen Wirtschaft konnte der Bankensektor und seine Kartensysteme nie Reichweite und Marktdurchdringung von europä­ischen Dimensionen erreichen. Stattdessen nutzten heimische Tech-Plattformfirmen die Schwäche und integrierten Zahlungsdienste in ihre Angebote, die die bestehende Handy-Infrastruktur anstelle von Kartensystemen nutzen. Vorteilhafte Preisgestaltung, Qualität und Plattformintegration zogen Endkundschaft und Handel an, und verschafften zwei großen Betreiberfirmen eine branchenübergreifend marktbeherrschende Stellung. Das 2015 gestartete Digitalgeld-Projekt der Zentralbank, das jüngst erste Testläufe gestartet hat, ist Teil eines späten Versuchs, ein Fortschreiten der Entkoppelung von reguliertem Bankensektor und Zahlungsverkehr (sowie daran anknüpfenden weiteren Finanzdienstleistungen) im Inland einzudämmen. Auch dass es helfen könnte, um dem auf der Weltbühne bislang beschränkten chinesischen Geld Weltgeltung zu verschaffen, ist denkbar.

Offenbar vom chinesischen Beispiel eines Bezahlsystems ohne Banken und Karten inspiriert, hat ein Facebook-geführtes Konsortium 2019 den Versuch angekündigt, Ideen aus dem populären Krypto-Sektor zu integrieren, um ein eigenes System mit globalem Anspruch zu entwickeln. Das Erst-Konzept für „Libra“ musste weltweit viel Kritik einstecken, wurde mittlerweile in „Diem“ umbenannt, und hat sich vom ursprünglichen Plan einer neuen globalen Privatwährung auf die Schaffung eines alternativen Dollar-Zahlungsdienstes verlegt.

Wie auch immer die Zukunft dieses speziellen Projekts aussieht: Es macht deutlich, dass die herausragende Stellung von Banken, Kartensystemen und vielleicht sogar heimischen Währungen im digitalen Bezahlwesen Westeuropas kein immerwährendes Naturgesetz sein muss. Nach einer ersten Fintech-Welle kleiner Startups mit Nischenanspruch werfen nun auch etablierte starke Player aus bankfremden Branchen ein Auge auf den Zahlungsverkehr, und überlegen und probieren, wie er mit Hilfe neuer Geschäftsideen, Technologien und Finanzmitteln neu erfunden werden könnte. Weitere benachbarte Finanzdienste könnten folgen und daran angeknüpft werden.

Zentralbanken haben nicht die Aufgabe, Innovation und Wettbewerb zu verhindern, aber gemäß der gesetzlichen Auftragslage dürfen Stabilität und Integrität des Währungs- und Zahlungsraums dabei nicht gefährdet werden. Um den Euro-Zahlungsverkehr zukunftsfit zu halten, ist deshalb ein Zusammenwirken verschiedener Akteure in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich gefragt. Maßnahmen auf drei Ebenen (Privatsektor, Gesetzgeber, Zentralbanken) sind erforderlich, um die digitalen Veränderungen in stabilitätsförderlichen Bahnen zu halten:

Eine europäische Offensive im Privatsektor

Im Geschäftsbankensektor müssen Anstrengungen verstärkt werden, den Euro-Zahlungsverkehr wettbewerbsfähig zu halten. Dies bildet die erste Säule in einer Strategie zur Stärkung der Robustheit des Euroraums im Zahlungsverkehr. Weil der Zahlungsverkehr einen instituts- und grenzübergreifenden Netzwerkcharakter hat, bedarf es hier instituts- und grenzübergreifender Zusammenarbeit im Privatsektor. Schwächen des Euro-Zahlungsverkehrs bei grenzüberschreitenden Zahlungen, Geschwindigkeit, Händlerkosten, und anderen Dimensionen müssen überwunden werden, um die Verwundbarkeit gegenüber Marktzutritten mit neuen Geschäftsmodellen, sowie gegenüber exterritorialen Maßnahmen aus anderen Kontinenten, zu senken. Die European Payment Initiative (EPI) ist eine vielversprechende Initiative im Privatsektor, um diese euroraumweite Fitness zu erreichen. Die Beteiligung aus Österreich ist hier noch stark ausbaufähig.

Update des Regelwerks

Seitens der Behörden wird an der zweiten Säule zur Sicherung eines robusten Euro-Zahlungsverkehrs gearbeitet, einer Aktualisierung des Regulierungsrahmens. Dass neue Geschäftsmodelle in den letzten Jahren wiederholt ein Spekulationsfieber rund um Kryptowerte wie Bitcoin entfachen konnten, wirft zahlreiche regulatorische Fragen auf. Auch wenn die populärsten dieser – oft irreführend als „Kryptowährungen“ titulierten – instabilen Vehikel abseits von Nischen kaum bzw. keine Eignung als Zahlungsmittel haben, zeigt das Beispiel von Diem bzw. Libra, dass dieser Sektor von Nicht-Banken genutzt werden könnte, um neue Zahlungsmittel auf den Markt zu bringen und ähnliche Bankgeschäfte unter Umgehung von Bankenregulierung und -aufsicht zu betreiben. Um solche Regulierungsarbitrage und sonstigen Missbrauch von Krypto-Vehikeln zu vermeiden, ist derzeit ein EU-Regulierungsrahmen zu Kryptowerten und damit verbundenen Geschäften in Ausarbeitung, dessen Finalisierung noch dieses Jahr in Aussicht steht. Ein allgemeiner Regulierungsrahmen für digitale Dienste und Märkte ist ebenfalls in Ausarbeitung.

Digitaler Euro in erster Vorbereitungsphase

Die dritte Säule zur Sicherung des digitalen Bezahlwesens in Euro ist im System der Zentralbanken im Euroraum in Vorbereitung. Mitte Juli gaben wir im EZB-Rat den Startschuss für eine Projektuntersuchungsphase für allgemein zugängliches digitales Zentralbankgeld, den Digitalen Euro.

Wo läge der Unterschied zwischen einem Digitalen Euro und bisherigen Zahlungsmitteln in Euro?

1 Euro Bargeld: Zentralbank garantiert den Wert, der Besitzer bzw. die Besitzerin ist für die Aufbewahrung oder Weitergabe verantwortlich.

1 Euro am Bankkonto: Geschäftsbank garantiert den Wert (jederzeit 1:1 Behebung in bar) und übernimmt Aufbewahrung und Weitergabe im Kundenauftrag.

1 Digitaler Euro: Zentralbank garantiert den Wert. Nutzende und/oder private elektronische Brieftaschen-Betreiber (z.B. Banken) übernehmen Aufbewahrung und Weitergabe im Kundenauftrag.

Alle Überlegungen in Zentralbanken zu einem Digitalen Euro zielen darauf, Bargeld und Kontoguthaben bei Geschäftsbanken allenfalls zu ergänzen, nicht zu ersetzen – nicht zuletzt im Dienste einer Sicherung der Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Zahlungsmitteln an der Supermarktkassa, beim Einkauf im Internet und anderen Gelegenheiten. Um die Koexistenz der Euro-Zahlungsmittel unterschiedlicher Emittenten zu sichern, sind unter anderem Begrenzungsmaßnahmen für den Digitalen Euro (Obergrenzen, gestaffelte Zinsen, …) in Diskussion.

Wem würde der Digitale Euro nützen?

Zielvorstellung für einen Digitalen Euro wäre, einen sicheren digitalen Anker für uns alle bereitzustellen. Die genaue Ausgestaltung dieser neuartigen Verbindlichkeit der Zentralbank ist noch auszuarbeiten – viele wirtschaftliche, technische und juristische Fragen sind hier noch zu klären.

Wagt man einen Gedankensprung in eine mögliche Zukunft, dann könnten Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen erfüllt werden:

Für Bargeld-Fans könnte der digitale Euro eine unkomplizierte, bargeldnahe und konsumentenfreundliche Möglichkeit zum digitalen Bezahlen mit minimalen Ein- und Ausstiegshürden bieten.

Wer nach historischen Vorläufern sucht, würde darin vielleicht am ehesten einige frühere Angebote der einst staatlichen Post wiedererkennen, die dereinst als eine öffentliche Säule fürs Geld-Verschicken und -Aufbewahren neben den Geschäftsbanken fungierte. Wenn man so will, würde ein digitaler Euro Teile dieser Aufgaben ins digitale Zeitalter übertragen.

Für digital Erfahrene wäre der digitale Euro eine Sicherung von Wahlfreiheit und Datenschutz beim Bezahlen in einer schnelllebigen Digitalwirtschaft, die von immer größeren globalen Plattformfirmen dominiert wird.

Für Klein- und Mittelbetriebe im Handel und anderen Branchen wäre der digitale Euro eine leistungsfähige preisgünstige Alternative zur Entgeltabfuhr an Karten-basierte Bezahlsysteme.

Für Banken wäre er ein Anknüpfungspunkt für Kundenleistungen, der weniger Bilanzrisiko und Umstände sowie größere Reichweite verspricht. Aus Sicht der Zentralbank wäre es wünschenswert, wenn der Privatsektor ähnlich wie bei Bargeld die Kundenschnittstelle übernehmen, servicieren und sinnvoll an seine Geschäftsmodelle ankoppeln könnte. Die sinnvollste Art, die bewährte Arbeitsteilung zwischen Zentral- und Geschäftsbanken auf den Digitalen Euro zu übertragen, wird in den nächsten Jahren zu klären sein.

Für Zentralbanken wäre der digitale Euro eine zeitgemäße Ergänzung zu Bargeld, um ihrem gesetzlichen Auftrag nach Stabilität und Sicherheit auch in einer digitalen Wirtschaft ungebrochen nachkommen zu können, durch Bereitstellung eines sicheren, universalen Ankers im digitalen Geldraum.

Warum kommt der Digitale Euro nicht schneller?

Dass ein Digitaler Euro allenfalls nicht vor 2025 zu erwarten ist, mag Ungeduldige irritieren. Doch bei einem so sensiblen Produkt wie Geld darf es keine Schnellschüsse aus der Hüfte geben.

Internationale Beispiele (China, Schweden) zeigen mehrjährigen Entwicklungsbedarf, bevor überhaupt erste Tests gestartet werden konnten. Viele offene Fragen säumen den Weg. Ob der Euro letztlich eine neue, zusätzliche digitale Form erhalten soll und wird, wird in einigen Jahren im Lichte der heimischen Bedarfslage zu entscheiden sein.

Die unmittelbare Herausforderung für Geschäftsbanken besteht jetzt darin, den Digitalen Euro nicht als Zumutung, sondern als Abwehrschild gegen Herausforderungen zu erkennen, die großteils von außerhalb Europas kommen, und dass dieser Schild zusammen mit eigenen Anstrengungen zur Chance werden kann für all jene, die ihn mit kreativen Ideen im Euroraum zu nutzen lernen.

Univ.-Prof. Dr. Robert Holzmann ist Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank.

01.09.2021 - Raiffeisenblatt Online