Umsetzung der Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels

Dr. Roland Mechtler, Heft 10/2021

Der Green Deal der Europä­ischen Union ist das 2019 verlautbarte Umsetzungsprojekt zu den Pariser Klimazielen 2015. Das ambitionierte Ziel: Bis 2050 soll Europa der erste klimaneutrale Kontinent werden. Der Zug hat voll Fahrt aufgenommen und in mehreren Bereichen werden neue Regularien de facto zu einer rechtlichen Verpflichtung der Klimaneutralität in Europa führen. Banken werden dabei in die Pflicht genommen, vermehrt grüne Aktivitäten ihrer Kunden zu finanzieren und gleichzeitig die Risiken des Klimawandels entsprechend zu managen.

Die Unternehmen, fast die gesamte europä­ische Wirtschaft, wird künftig publizieren müssen, wie “grün” ihre Aktivitäten sind. Doch die Reformbemühungen stoppen nicht auf Unternehmensebene, auch Privathaushalte und Kleinstunternehmen werden in die Pflicht genommen.  So wurde erst im Juli 2021 ein weiteres, umfassendes Maßnahmenpaket unter dem Titel „Fit for 55“ verlautbart, das unter anderem eine Erweiterung und Verschärfung des europä­ischen Emissionshandelssystems (Inklusion von Schifffahrt, Straßentransport, etc.) vorsieht. Mit den dort enthaltenen Maßnahmen sollen bis 2030 die Treibhausgase im Vergleich zu 1990 um 55 %  reduziert werden. Experten schätzen einen Investitionsbedarf von EUR 260 Mrd. pro Jahr bis 2030.  Damit wird das Thema uns Banken und unsere Kunden über die kommenden Jahre sehr intensiv beschäftigen. Einerseits in der Erfüllung der regulatorischen Anforderungen, andererseits in der Finanzierung des massiven Investitionsbedarfs.

Im Folgenden werden die für Banken und deren Kunden wesentlichsten Bestandteile der Umsetzung des Green Deal dargestellt:

 

Seidl
© Dieter Steinbach

Taxonomie

Die Taxonomie ist die weltweit erste Liste, die definiert, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als „grün“ eingestuft werden können. Sie ist damit das wichtigste Instrument zur Unterstützung des Wandels hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft im Sinne des Green Deal. Die Taxonomie, eine direkt anwendbare EU-Verordnung, richtet sich an Unternehmen und verpflichtet diese, taxonomiekonforme Umsatzerlöse, Investitionen und Aufwände offenzulegen. Welche Aktivität als taxonomiekonform eingestuft werden kann, muss anhand von technischen Kennzahlen bewertet werden. Festzuhalten ist, dass die Taxonomie keine Verpflichtung darstellt, nur grüne Aktivität zu machen, sondern es ist eine positive Definition der grünen Aktivitäten. Die Taxonomie legt folgende sechs Umweltziele fest:

1.       Klimaschutz

2.       Anpassung an den Klimawandel

3.       Schutz von Wasser und Meeresressourcen

4.       Übergang in eine Kreislaufwirtschaft

5.       Eingrenzung der Umweltverschmutzung und Beitrag zu Umweltschutz

6.       Schutz von Artenvielfalt und Ökosystemen

Wirtschaftstätigkeiten im Sinne der Taxonomie sind grün, wenn sie einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung eines der sechs Umweltziele leisten. Gleichzeitig dürfen die anderen Umweltziele nicht erheblich beeinträchtigt werden (Do-no-significant-harm-Prinzip), und gewisse Mindestschutzkriterien (z.B. Einhaltung der Menschenrechte) müssen eingehalten werden.

Für Ziel 1 „Klimaschutz“ und Ziel 2 „Anpassung an den Klimawandel“, die sogenannten „Klimaziele“, liegen diese technischen Kriterien (u.a. Kennzahlen, Grenzwerte) seit längerem vor und sind bereits ab 1. Jänner 2022 anwendbar. Die Klimaziele zielen speziell auf die Reduktion der Treibhausgasemission ab, die damit unmittelbar das Pariser Klimaziel von 2015 umsetzen sollen. Für die restlichen vier Ziele sind im Juli 2021 diese Kriterien publiziert worden, diese sollen ab 1. Jänner 2023 anwendbar sein.

Veröffentlichungspflichten

Die Taxonomie definiert nicht nur, welche Aktivitäten “grün” sind, sondern sieht gleichzeitig auch weitreichende Veröffentlichungspflichten vor. Ziel der Taxonomie ist es, Transparenz zu schaffen, um Marktteilnehmern  Anhaltspunkte für Investitionsentscheidungen in nachhaltige Aktivitäten zu geben. Durch den Artikel 8 der Taxonomieverordnung werden Finanzmarktakteure sowie große Unternehmen verpflichtet, taxonomierelevante Umsätze und Investitionen offenzulegen. 1 Nachdem die Berichterstattung über die Taxonomiekonformität im Lagebericht der betroffenen Unternehmen erfolgen muss, ist die „Nähe“ zur Bilanz gegeben.

Weitere Veröffentlichungspflichten sind für Unternehmen in der Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen vorgesehen: Sie müssen über ihr Geschäftsmodell, ihre Strategie, ihre gesetzten Nachhaltigkeitsziele sowie den Fortschritt bei deren Erreichung und über weitere nachhaltigkeitsbezogene Aspekte berichten. Die Informationen, welche inhaltlich bspw. die Bereiche Umwelt, soziale Faktoren und gute Unternehmensführung (Governance) betreffen, sind verpflichtend als Teil des Lageberichtes zur Verfügung zu stellen. Dabei sind für die Nachhaltigkeitsberichterstattung noch festzulegende europä­ische Standards zu verwenden.

Die Darstellung hinsichtlich Taxonomiekonformität trifft wie oben beschrieben in erster Linie Unternehmen (iS von Nicht-Banken). Welche Rolle spielen nun die Banken im Rahmen der Taxonomie? Der Regulator sieht für Banken eine zentrale Aufgabe im grünen Wandel vor. Sie sollen Investitionsströme ihrer Kunden in nachhaltige Aktivitäten lenken bzw. diese dabei unterstützen: Basierend auf der Taxonomie müssen Finanzin­stitute gemäß einem aktuellen Konsultationspapier der European Banking Authority (EBA) Kennzahlen in Bezug auf die Übergangsrisiken, die physischen Risken sowie Maßnahmen, die gegen den Klimawandel gesetzt werden, offenlegen. Darunter fällt der sogenannte „Green Asset Ratio“, eine Kennzahl, die misst, wie hoch der Anteil der Taxonomie entsprechenden Ausleihungen im Bankbuch ist. Die EBA geht in ersten Schätzungen von rd. 8% Anteil aus. Hier zeigt sich schon die Herausforderung: Banken sind zum einen auf die von den verpflichteten Unternehmen offenzulegenden Angaben angewiesen, und zum anderen unterliegen sie selbst auch Offenlegungsverpflichtungen hinsichtlich der Taxonomiekonformität. Aufgrund der erst zu etablierenden einheitlichen Definition und darauf aufbauenden Datenverfügbarkeit werden Banken in den nächsten 2 - 3 Jahren schwer die Erwartungen der Aufsichtsbehörden umfassend erfüllen können.

Erwartungen der Aufsicht

Banken sind bereits jetzt zur Auseinandersetzung mit Klima- und Umweltrisiken verpflichtet. Die zentrale Norm in diesem Zusammenhang ist der EZB-Leitfaden zum Umgang mit Klima- und Umweltrisiken 2. Darin gefordert ist insbesondere die Identifizierung, Quantifizierung und Implementierung von Klima- und Umweltrisiken in das Risikomanagementrahmenwerk von Banken. Es werden zwei wesentliche Risikotreiber unterschieden:

Risiken, die durch die Klimaveränderung entstehen, z.B. häufigere extreme Wetterereignisse durch Klimaerwärmung. Diese Risiken wirken sich direkt auf Zerstörung von Eigentum oder Rückgang von Produktivität aus („Physical risks“).

Risiken, die bei Banken Verluste aufgrund der Anpassung an eine nachhaltige Wirtschaft mit geringeren Treibhausgasemissionen verursachen. Das kann z.B.  durch technologischen Fortschritt oder CO2-Steuern entstehen (Übergangsrisiken).

Diese Risiken wirken sich direkt auf die derzeit verwendeten Risikoarten Kredit-, Operationales-, Markt- und Liquiditätsrisiko aus. Basierend darauf formuliert die EZB in ihrem Leitfaden dreizehn aufsichtliche Erwartungen:

1.       Banken sollen die Auswirkungen von Klima und Umweltrisiken auf ihr Geschäftsumfeld verstehen und in der kurz-, mittel- und langfristigen Strategie berücksichtigen.

2.       Bei der Umsetzung ihrer Geschäftsstrategie sollen die Risiken mit den größten Auswirkungen berücksichtigt werden.

3.       Die Gremien sollen umfassend die wesentlichen Klima- und Umweltrisiken berücksichtigen.

4.       Klima- und Umweltrisiken sind im Risikoappetit zu berücksichtigen.

5.       Verantwortlichkeiten zum Management der Klima- und Umweltrisiken müssen gemäß dem Three-Lines-of-Defense-Modell zugeordnet werden.

6.       Im internen Reporting müssen aggregierte Daten zu den Klima- und Umweltrisiken zur Verfügung stehen, um entsprechend informierte Entscheidungen in den verschiedenen Gremien sicherzustellen.

7.       Klima- und Umweltrisiken müssen im Rahmen der bestehenden Risikokategorien identifiziert werden und im Kapitalbedarf langfristig berücksichtigt werden.

8.       Im Kreditvergabeprozess sind Klima- und Umweltrisiken in allen Stufen zu berücksichtigen.

9.       Auswirkung auf das Business Continuity Management sowie Reputations- und Rechtsrisiken sind zu berücksichtigen.

10.   Auswirkungen auf die Marktrisikoposition und zukünftige Investitionen sind zu überwachen.

11.   Banken mit signifikanten Klima- und Umweltrisiken sollen die Angemessenheit des Stress Testings überprüfen.

12.   Auswirkungen auf den Cash Flow und die Liquiditätsposition der Banken sind zu prüfen und in der Kalibrierung der Puffer allenfalls zu berücksichtigen.

13.   In der Offenlegung müssen aussagekräftige Informationen und Kennzahlen in Bezug auf Klima- und Umweltrisiken dargestellt werden und den Vorgaben der Europäischen Kommission entsprechen.

Einhergehend mit und aufbauend auf dem Umgang mit Klima- und Umweltrisiken besteht zusätzlich zu den oben genannten Veröffentlichungspflichten auch die Verpflichtung zur aufsichtlichen Offenlegung der ESG-Risiken im Einklang mit Art 449a CRR. Die EZB hat auf Basis dieser Erwartungen eine Selbsteinschätzung der von ihr beaufsichtigten Banken angefordert und einen entsprechenden Vergleich der derzeit angewandten Praktiken durchgeführt. Dies ist ein wesentlicher Ausgangspunkt, um die zukünftige aufsichtliche Praxis im Rahmen des Single Supervisory Mechanism festzulegen.

Des Weiteren befinden sich die Aufsichtsbehörden in Vorbereitung auf einen Klima-Stress-Test, der 2022 durchgeführt werden soll. Große Herausforderung bei dem Stresstest wird die Datenverfügbarkeit sein: U.a. wird die Emission von Treibhausgasen in drei Kategorien eingeteilt:

·         Scope 1: direkte Emission aus dem Produktionsprozess

·         Scope 2: indirekte Emissionen aus gekaufter Energie

·         Scope 3: Emission in der vorgelagerten und nachgelagerten Wertschöpfungskette

Es ist jetzt schon absehbar, dass diese Daten nicht zur Gänze bei den Unternehmen und damit auch nicht bei den Banken verfügbar sind. Insbesondere Scope 3 sind Datenpunkte, die noch erarbeitet werden müssen und sich erst aus der Gesamtschau ergeben. Sicherzustellen ist daher im Klimastresstest, dass der Aufsicht bewusst ist, dass Banken nur auf die Daten aufbauen können, die auf Unternehmensseite verfügbar sind und Banken nicht für eine fehlende Datenverfügbarkeit auf Unternehmensseite bestraft werden. Aus heutiger Sicht ist davon auszugehen, dass Erkenntnisse daraus im Rahmen des SREP-Prozesses berücksichtigt werden.

Maßnahmen im Risikomanagement

Im Risikomanagement der Klima- und Umweltrisiken empfiehlt es sich, auf folgende Aktivitäten abzuzielen:

1.       Definition und Identifizierung der für das Institut relevanten Umwelt- und Klimarisiken unter Einbeziehung der Vorgaben bezüglich sozialer Standards und der guten Unternehmensführung („Governance“). Zur Umsetzung der Umwelt- und Klimarisiken ist eine Identifikation der entsprechenden Kategorien erforderlich, z.B. Klimawandel, Biodiversität und Kreislaufwirtschaft.

2.       Methoden zur Messung, Sicherstellen der Bereitstellung und Analyse der erforderlichen Daten auf Basis der identifizierten Risiken (siehe Pkt 1). Wesentlicher Teil davon ist die Verfügbarkeit der notwendigen Daten, u.a. über Kundenfragebögen und damit aktive Ansprache der Themen bei den Kunden.

3.       Aufsetzen von Steuerungsmechanismen, die die Risiken und Chancen der Veränderung berücksichtigen. Wesentlicher Teil dabei ist die Vorbereitung, Durchführung und Interpretation von Klima-Stress-Tests. Die Erkenntnisse müssen dann in Portfoliostrategien, basierend auf dem Risikoappetit, übersetzt werden.

4.       Aufsetzen entsprechender Prozesse und Widerspiegeln in der Risiko-Governance. So müssen die Klima- und Umweltrisiken gemäß der EBA Loan Origination Guideline im Kreditvergabeprozess berücksichtigt werden. Beim Ausweis bzw. Festlegen, ob grüne Aktivitäten vorliegen, muss entsprechend das Three-Lines-of-Defense-Modell eingehalten werden, u.a. als Gegenmaßnahme zu Green Washing.

Ausblick

Der Klimawandel und seine Folgen werden uns nachhaltig beschäftigen und die Politik hat den Beschluss gefasst, Maßnahmen gegen den Klimawandel und Finanzierungen für eine nachhaltige Wirtschaft auf Gesetzesbasis umzusetzen. Das bedeutet für Banken einen großen Aufholbedarf, um Klima- und Umweltrisiken entsprechend zu identifizieren und zu managen. Unklar sind noch  die konkreten regulatorischen Folgen, abhängig vom Grad der Taxonomiekonformität, d.h., ob es Sanktionen gibt für Banken, die nicht genug grüne Aktivitäten finanzieren. Hier ist davon auszugehen, dass in einem ersten Schritt in den kommenden drei Jahren europaweit eine einheitliche Datenbasis geschaffen wird. In einem nächsten Schritt wird dann über Vergleiche zwischen den Banken ein entsprechender Druck seitens der Investoren und anderen Stakeholder aufgebaut und im Sinne der Basler Säule 3 eine „Marktdisziplin“ für grüne Aktivitäten etabliert.

Zum Abschluss ist aber noch auf die Chancen, die sich aus diesen neuen Entwicklungen ergeben, hinzuweisen: Unsere Kunden werden einen signifikanten Refinanzierungsbedarf haben, insbesondere wenn sie in Übergangsbereichen tätig sind. Das sind Aktivitäten, die heute noch nicht grün sind, aber die hohe Investitionsvolumina benötigen, um die Umstellung zu einer nachhaltigen Produktion stemmen zu können. Zusätzlich sind die Banken aufgrund der sehr aktiven Rolle der Aufsichten gezwungen, sich intensiv mit den Auswirkungen auf die Kunden zu befassen – dieses Know-how muss an den Kunden weitergegeben werden und bekanntlich sind jene Kundengespräche die erfolgversprechendsten, in denen dem Kunden eine Lösung für ein Problem angeboten wird, das ihm oder ihr noch nicht in der Dimension bewusst war.

Dr. Roland Mechtler leitet den Bereich Regulatory Affairs & Data Governance in der Raiffeisen Bank International AG.

 

1 Darüber hinaus bestehen Berichtspflichten aus der Offenlegungs - Verordnung sowie der Richtlinie für nichtfinanzielle Informationen (NFRD, innerstaatlich: NaDiVEG)

2 innerstaatlich, bzw für Raiffeisenbanken: FMA Leitfaden zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken

01.10.2021 - Raiffeisenblatt Online