Die Herausforderungen für den Finanzmarkt nach Covid

Mag. Helmut Ettl, Heft 7-8/2021

In den letzten Wochen haben die Öffnungsschritte der Bundesregierung dazu beigetragen, dass sich die wirtschaftliche Stimmung verbessert hat. Zusätzlich nährt der Impffortschritt die Hoffnung in der Bevölkerung und ein gewisser Verdruss bedingt durch die Beschränkungen während der Covid-Pandemie weicht teilweise einer gewissen Euphorie und Aufbruchstimmung. Darin spiegelt sich unser aller Wunsch nach Normalität nach diesen außergewöhnlichen letzten eineinhalb Jahren wider. Diese Stimmung beflügelt auch die Wirtschaft, viele Unternehmen hoffen darauf, Einbußen der vergangenen Monate aufzuholen und eine Trendwende zu schaffen. Banken als zentraler Bestandteil unserer Finanzwirtschaft werden in der Wirtschaftsbelebung eine entscheidende Rolle spielen, etwa im Rahmen erforderlicher Finanzierungen.

In diesem Umfeld stehen sowohl die Finanzunternehmen als auch die Aufsicht vor der Herausforderung, einen nachhaltigen Weg aus der Krise zu finden. Kernelemente für diesen Weg sind eine nachhaltige Kreditvergabe, ein Ausbau der Digitalisierung und eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sustainable Finance.

Seidl
© Dieter Steinbach

Ausgangslage

Verglichen mit der großen Finanzkrise sind die österreichischen Banken heute deutlich resilienter und haben die erste Phase der Krise ohne wesentliche negative wirtschaftliche Beeinträchtigungen überstanden. Ein Blick auf die Jahresergebnisse der Kreditinstitute zeigt etwa, dass sich die Gesamtaktiva der österreichischen Banken im Jahr 2020 um rund 10% auf 1.136,4 Mrd. EUR gesteigert haben. CET-1 Ratio mit 16,1% sowie Eigenmittelquote mit 19,6% lagen sogar über den 2019er Vergleichswerten. Darüber hinaus konnte auch der Abbau notleidender Kredite fortgesetzt werden, der Anteil an Non-Performing-Loans (NPL) befand sich mit 2,0% zum Jahresende 2020 auf einem historischen Tiefststand.

Risiken

Trotz dieses durchaus positiven Rückblicks auf das Geschäftsjahr 2020 aus Bankensicht ist aber weiterhin Vorsicht angesagt. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die heimischen Unternehmen sind derzeit nur sehr eingeschränkt bekannt. Erst mit dem vollständigen Auslaufen der Unterstützungsmaßnahmen wird sich das volle Ausmaß zeigen. Zwar sind etwa die Moratorien bereits ausgelaufen, allerdings können diese bei Einmalzahlungen noch fortwirken. Die Mehrzahl der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen wäre ursprünglich im Juni 2021 ausgelaufen, derzeit ist aber zumindest mit der Verlängerung einiger Maßnahmen zu rechnen – etwa die Fortsetzung einer angepassten Kurzarbeitszeitregelung. Aus diesen Gründen schlagen sich wirtschaftliche Einbußen von Unternehmen bisher nur bedingt in der Bedienung von Krediten nieder. Zweit- und Dritt-Runden-Effekte können allerdings nach wie vor nicht ausgeschlossen werden. Zur allgemeinen Vorsicht mahnt die Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen im Vorjahr. Laut Creditreform gab es letztes Jahr in Österreich insgesamt 3106 Unternehmensinsolvenzen. Das bedeutet gegenüber den 5235 Unternehmensinsolvenzen des Jahres 2019 einen Rückgang von 40,7%.  Mit dem Auslaufen der einzelnen Hilfsmaßnahmen ist mit einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen zu rechnen.

Die angesprochenen Risiken werden das Handeln in den kommenden Monaten und Jahren bestimmen. Gerade in dieser Situation sind umsichtige und verantwortungsbewusste Entscheidungen gefragt. Ein Hauptaugenmerk ist dabei auf das Kreditrisikomanagement zu legen, um sicherzustellen, dass die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Kreditqualität und Kapitalausstattung auch für 2021 und darüber hinaus möglichst genau abgeschätzt werden können. Im Lichte der Covid-19-Krise besteht der Zweck eines effektiven Kreditrisikomanagements auch darin, Banken zu ermöglichen, von der Krise betroffene, aber gesunde Unternehmen von nicht mehr lebensfähigen zu unterscheiden. Im aktuellen Umfeld gilt dabei ein Hauptaugenmerk dem frühzeitigen Erkennen potentieller Klippeneffekte durch das Auslaufen von Hilfsmaßnahmen sowie dem Ergreifen geeigneter Maßnahmen zu deren Abfederung. Als FMA versuchen wir, diese Prozesse durch eine transparente Kommunikation der aufsichtlichen Erwartungshaltung bestmöglich zu begleiten.

Immobilienfinanzierung

Der steigende Finanzierungsbedarf der Realwirtschaft kann aus Bankensicht durchaus zu einem Balanceakt werden. Gerade die Aufweichung der Vergabekriterien in der Immobilienfinanzierung sehen wir als FMA mit wachsender Sorge. Bei einem erheblichen Teil der neu vergebenen Kredite belaufen sich die von den Kreditnehmerinnen und Kreditnehmern eingebrachten Eigenmittel deutlich unter den vom Finanzmarktstabilitätsgremium (FMSG) empfohlenen 20%. Auch finden wir im Wohnimmobilienbereich einen relevanten Teil nicht hypothekarisch besicherter Neukredite. Schließlich liegt die Schuldendienstquote als Messzahl für die Leistbarkeit ebenfalls bei einem relevanten Anteil der Neukreditvergabe über dem empfohlenen Wert von 30-40%. Trotz des herrschenden Niedrigzinsumfelds ist der Anteil variabel verzinster Kredite im internationalen Vergleich nach wie vor hoch.  Wir beobachten diese Entwicklungen sehr genau und sind auch bereit, erforderlichenfalls weitere Maßnahmen zu prüfen. Ein heute nicht nachhaltig vergebener Kredit kann sehr rasch zum notleidenden Kredit von morgen werden. Eine Stärkung der Kreditvergabekriterien erwarten wir durch die seit Juni 2021 anzuwendenden Loan Origination Guidelines der European Banking Authority (EBA).

Digitalisierung

Die Covid-Pandemie hat im letzten Jahr das Verhalten der österreichischen Bevölkerung maßgeblich geprägt und dadurch auch im Bereich der Finanzdienstleistungen zu einem Digitalisierungsschub geführt. So beobachtete etwa die Payment Services Austria für das traditionell als Bargeldzahlungsland bekannte Österreich einen Anstieg der Transaktionen über österreichische Bankomatkarten von 900 Mio. auf 985 Mio., was einer Steigerung von beinahe 10% entspricht. Spiegelbildlich zeigten zwei Umfragen, die von der EBA im zweiten und dritten Quartal 2020 durchgeführt wurden, dass die überwiegende Anzahl der befragten Banken weitere digitale bzw. remote Zugangskanäle für ihre Kunden beabsichtigt oder bereits implementiert hat. Durch diese Entwicklung sind Banken einerseits gefordert, mit ihren Konkurrenten Schritt zu halten, andererseits bieten sich durch eine Erweiterung des eigenen digitalen Angebots neue Geschäftschancen. Auch die FMA reagiert auf den rasanten technischen Wandel.  Im Mai dieses Jahres veröffentlichten wir einen Konsultationsentwurf zur Anpassung der Online-Identifikationsverordnung der FMA. Darin wurde etwa ein Vorschlag zur Berücksichtigung biometrischer Identifikationsverfahren aufgenommen, der den stetigen Weiterentwicklungen in diesem Bereich Rechnung tragen soll.

Mit der Digitalisierung steigt die Bedeutung von IT-Sicherheit. Der beobachtbare Anstieg an Cyber-Attacken ist eine der negativen Begleiterscheinungen. Konsequenterweise muss daher die Strategie der Bank und deren Governance-Struktur IT-Risiken adäquat berücksichtigen. Besonderes Augenmerk verdienen in diesem Zusammenhang die Auslagerung von Tätigkeiten auf spezialisierte IT-Dienstleister. Aufgrund ihrer Bedeutung für die österreichischen Finanzdienstleister beschäftigen wir uns als Aufsicht mit der Vernetzung der IT-Systembetreiber. In einer vertiefenden Untersuchung im Vorjahr konnten wir entscheidende Knotenpunkte in der IT-Infrastruktur der österreichischen Finanzindustrie identifizieren. Dieses Jahr werden wir die operationelle Resilienz dieser IT-Systembetreiber genauer prüfen.  

Nachhaltige Finanzierung

Uneingeschränkt große Aufmerksamkeit erfuhr im letzten Jahr das Thema Sustainable Finance. War die künftige Bedeutung der Rolle einer ökologisch nachhaltigeren Finanzwirtschaft zu Beginn der Covid-Krise noch offen – schließlich war nicht ausgeschlossen, dass die erforderliche Finanzierung der Krise zulasten von Investitionen im Rahmen der Klimaziele gehen könnte – erkennt man mittlerweile in der Ökologisierung der Wirtschaft einen möglichen Weg aus der Krise. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Verknüpfung von Konjunktur- und Strukturpaketen mit den Klimazielen. Unbestritten ist jedenfalls der immense Finanzierungsbedarf, der mit der Transition zu einer nachhaltigen Wirtschaft verbunden ist. Die EU schätzt die Kosten zur Erreichung ihrer Klima- und Energieziele auf jährlich zwischen EUR 180-270 Mrd. im Zeitraum zwischen 2020 und 2030. Im Bereich der privaten Finanzierungen werden hier insbesondere Banken aufgrund ihrer Rolle als zentraler Geldgeber gefordert sein.

Die gestiegene Nachfrage nach nachhaltigen Finanzprodukten zeugt mittlerweile von einem geänderten Investorenverhalten. Unternehmen, die in ihrer Strategie ESG-Faktoren – also ökologische, soziale und Governance-Aspekte – berücksichtigen, wurden von Investoren als resilienter angesehen und konnten so mit teilweise beachtlichen Ergebnissen reüssieren.

Eine Reihe regulatorischer Maßnahmen für den Übergang zu einem nachhaltigen Finanzsystem wurde bereits veröffentlicht. Die Offenlegungs-Verordnung (SFDR), die mit März 2021 in Kraft getreten ist, sieht neben Transparenzverpflichtungen auf Produktebene explizit eine Offenlegung der Strategie zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken sowie zu nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen auf Unternehmensebene vor. Die Taxonomie-Verordnung schafft erstmals harmonisierte Kriterien für die Beurteilung ökologisch nachhaltiger wirtschaftlicher Tätigkeiten anhand von sechs Umweltzielen. Sie tritt gestaffelt – abhängig vom jeweiligen Umweltziel – am 1. Jänner 2022 bzw. am 1. Jänner 2023 in Kraft. Durch die Benchmark-Verordnung bestehen bereits seit 30. April 2020 bestimmte Verpflichtungen für Benchmark-Administratoren von Low-Carbon Benchmarks. Diese Regularien und die begleitendenden delegierten Rechtsakte stellen einen wesentlichen Beitrag zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Rechtsrahmens für nachhaltige Finanzprodukte dar. Die nationale Begleitgesetzgebung wird in Österreich in den nächsten Monaten umgesetzt werden. Zusätzliche Dynamik erfuhr dieser Regulierungsbereich durch die Veröffentlichung des Sustainable-Finance-Pakets der Kommission im April 2021.

Bereits im Vorjahr hat die FMA einen Leitfaden zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken veröffentlicht. Dieser soll den beaufsichtigten Unternehmen als Hilfestellung bei der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken dienen und diese auf regulatorische Entwicklungen, etwa die Anwendung der Offenlegungs-Verordnung, vorbereiten. Erste konkrete verbindliche Klarstellungen bringen in diesem Bereich die EBA-Leitlinien für die Kreditvergabe und Überwachung: Sie sehen die verpflichtende Berücksichtigung von ESG-Faktoren im Kreditrisikomanagement und bei der Kreditvergabe sowie eine eigene Policy bei Vergabe „grüner Kredite“ vor. Zudem arbeitet die EBA derzeit an den Mandaten, die sie im Rahmen des Banken-Pakets iZm Nachhaltigkeitsrisiken erhalten hat. Diese sehen die Berücksichtigung von ESG-Risiken im Risikomanagement und im SREP, in der Säule 3 Offenlegung sowie in der Säule 1 vor.

Ausblick

Die Finanzierung des Wandels zu einer ökologischen Wirtschaft wird eine der großen Nachkrisenherausforderungen für die europäische und die österreichische Finanzwirtschaft sein. Derjenige, der sich schon heute darauf vorbereitet und einsteigt, wird gestärkt aus diesem fundamentalen Wandel hervorgehen. Die österreichische Kreditwirtschaft hat die Covid-Krise bisher bestens bewältigt und kann die digitalen und ökologischen Herausforderungen offensiv bewältigen. Allerdings dürfen im laufenden Geschäft – insbesondere im Bereich der Immobilienfinanzierung – die Grundsätze von soliden Kreditvergabestandards nicht vernachlässigt werden.

Mag. Helmut Ettl ist Vorstand der Finanzmarktaufsicht.

01.07.2021 - Raiffeisenblatt Online