China will hoch hinaus

China geht aus der Krise gestärkt hervor und will nun zum Hightech-Champion werden. Wie läuft die Zusammenarbeit mit europäischen Firmen?

China bildet einen Großmarkt, der erst an der Schwelle einer stürmischen industriellen Entwicklung steht. Der Außenhandel ist zwar noch sehr bescheiden, wächst aber ständig. 1960 konnte nur ansatzweise erahnt werden, welche Rolle China einmal für die Weltwirtschaft spielen würde. Aus diesem Jahr stammt die Einschätzung des Wifo, in der auch prognostiziert wurde, der Handel mit westlichen Staaten würde planmäßig ausgebaut werden.

60 Jahre später ist das Reich der Mitte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und maßgeblicher Taktgeber der globalisierten Wirtschaft. In manchen Sparten läuft ohne Produkte „made in China“ gar nichts mehr: Rund die Hälfte der weltweit verkauften Computer, Tablets und Telefone kommt aus dem asiatischen Riesenland, bei Haushaltselektronik sind es rund 40 Prozent. Und ausgerechnet während der Coronakrise ist die Heimat von aktuell 626 Milliardären als einzige der großen Wirtschaftsmächte gewachsen und wird im heurigen Jahr sogar noch stärker zulegen. Die Exporte sind im Gesamtjahr 2020 im Vergleich zu 2019 um 3,6 Prozent gestiegen; das lag vor allem an einem Endspurt in den letzten Monaten des Vorjahres, der sich auch heuer fortsetzte. Die plus 18 Prozent Wirtschaftsleistung von Jänner bis Februar lassen die globale Konkurrenz alt aussehen.

Das merken die USA und die EU nicht nur am politischen Selbstbewusstsein der chinesischen Regierung, sondern unter anderem auch daran, dass auf Hoffnungsmärkten wie in Afrika und Südamerika, aber auch in Osteuropa chinesische Investoren derzeit schneller und zielgerichteter unterwegs sind. Das macht Lust auf mehr – vor allem im Bereich der Technologie. Die Ziele sind klar umrissen: China will unabhängig von anderen Ländern selbst zur führenden Hightechnation der Welt werden. Laut dem jüngsten Fünfjahresplan bis 2025 werden dafür Milliarden in den Ausbau der 5G-Infrastruktur (neueste Mobilfunkgeneration), künstliche Intelligenz, Smart Manufacturing, E-Health und weitere Bereiche von Hochtechnologie und Digitalisierung gesteckt. Als erster Schritt soll sukzessive die Herstellung der nötigen Komponenten und das nötige Know-how innerhalb Chinas geschaffen werden. Welche geballte finanzielle Kraft dafür zur Verfügung steht, zeigt ein Beispiel: In Changzhou werden gerade 70 Produktionsanlagen mit einer Investitionssumme von 8,9 Milliarden Dollar hochgezogen; dort werden Bestandteile von Elektroautos, medizinische Geräte und IT-Produkte hergestellt. Überall in China entstehen solche Hightechcluster; an Kapital und Arbeitskraft dafür mangelt es nicht.

 

Vom Start-up zum Teil eines Weltkonzerns

Trotz dieser gigantischen Vorhaben braucht auch China die Zusammenarbeit mit westlichen Unternehmen. So wie es etwa bei Ultimate Europe mit Sitz in Amstetten der Fall ist, das zum weltweit tätigen chinesischen Ultimate-Konzern gehört. Das 2003 als Start-up gegründete Amstettener Unternehmen entwickelt, serviciert und vertreibt Türsysteme, Übergänge und Inneneinrichtungen für Schienenverkehrsmittel und Busse; es ist demnach im Personentransport tätig, wo Sicherheit der vorrangige Aspekt ist. Der Europa-Umsatz wird heuer 80 Millionen Euro betragen; von Österreich aus werden auch Russland, Südamerika und Afrika betreut. In Europa arbeiten derzeit 270 Mitarbeiter, davon 125 in Amstetten, diese werden nun aber in einer eigenfinanzierten Firmenzentrale zusammengezogen, die im ersten Quartal 2022 fertiggestellt sein soll.

Die Zusammenarbeit mit China hat sich laut CEO Manfred Teufl gut entwickelt, allerdings auch mit mehr Konflikten, da das Selbstbewusstsein in China ständig steige. „Die Umgangsformen müssen laufend nachjustiert werden, um zu Erfolgen zu kommen.“ Es treffen seiner Ansicht nach zwei Systeme aufeinander: auf der einen Seite ein „überbürokratisiertes Europa mit hohen umwelttechnischen Ansprüchen und Entscheidungsschwäche“, auf der anderen Seite ein „zentral geführtes China, das seinen Einfluss weltweit permanent ausbaut im Sinne einer langfristigen Positionierung am Weltmarkt“. In Amstetten werden Vorserien produziert, die eigentliche Produktion passiert dann zur Hälfte in China, zur Hälfte in Europa. „Um in dieser Branche von allen Kunden wahrgenommen zu werden, braucht man einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen – und den streben wir mit Cluster-Kooperationen bis 2025 in Europa an.“ Ultimate Qingdao möchte jedenfalls 2022 in China an die Börse gehen, um weitere Möglichkeiten für eine Internationalisierung zu erschließen.

 

Das Comeback von „Made in Germany“

Erfahrung mit China hat auch das Regensburger Unternehmen Dallmeier: Der Spezialist für Videosicherheitstechnik entwickelt und produziert als einziger Hersteller alle Komponenten – von der Kamera bis zum Managementsystem – in Deutschland. Zum Einsatz kommen die Produkte etwa auf Flughäfen, in Banken, Casinos und Stadien. Durch die Coronakrise sei es zu „schmerzhaften Umsatzeinbußen gekommen“, sagt Founder und CEO Dieter Dallmeier. „Es hat uns jedoch nicht fundamental getroffen, wir blicken sehr optimistisch auf die zweite Jahreshälfte sowie auf 2022.“ Dallmeier macht traditionell gute Geschäfte mit Spielcasinos in der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau – neben klassischer Videotechnik immer mehr mit KI-basierter Geschäftsoptimierung, etwa mit der Automatisierung des Tischspielbetriebs wie bei Black Jack. „China selbst ist für uns kein Markt, der politische Einfluss ist zu stark und er entspricht ethisch und moralisch nicht unserer Firmenphilosophie“, sagt der Firmenchef.

China habe es gewiss bereits geschafft, vom reinen Kopieren von Technik zum Innovator in manchen Bereichen zu avancieren, erläutert Dieter Dallmeier. „Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen vom naturgemäß sehr großen Brainpool bis hin zu bestimmten staatlichen Steuerungsstrategien, die zumindest mittelfristig sehr erfolgreich zu sein scheinen.“ Während etwa Ultimate-Europe-Chef Teufl überzeugt ist, dass „China mittelfristig eine noch bedeutendere Rolle in der Weltwirtschaft einnehmen wird“, macht Dallmeier eine interessante Tendenz aus: Das durch die Globalisierung beinahe in Vergessenheit geratene Gütesiegel „Made in Germany“ oder „Made in Western Europe“ erfahre eine erstaunliche Renaissance. „Und zwar weniger durch die reine Technologie, sondern neben Qualität besonders wegen unserer Sensibilität im Umgang mit Daten. In immer mehr Kundengesprächen ist die erste Frage oft gar nicht die nach den eigentlichen Lösungsvorteilen, sondern nach den Themen Datenschutz und Datensicherheit. ,Security by Design‘ und ,Privacy by Design‘ sind ein Gebot in der DSGVO.“ Und damit ein Teil der kulturellen DNA Europas. Abgesehen davon habe man mit einer patentierten Technologie bewiesen, dass man gerade mit Technik aus einem Hochlohnland sehr geringe Gesamtbetriebskosten realisieren könne.


Text: Robert Prazak

Wachstumskurs

Obwohl die Coronapandemie Europa fest im Griff hat, herrscht bei Ultimate Europa überhaupt keine Krisenstimmung. CEO Manfred Teufl erklärt: „Wie alle Firmen und Unternehmen sind wir von der anhaltenden Covidkrise betroffen, speziell durch Produktionsausfälle bei Kunden, erhöhte Transportkosten und Mitarbeiter im Homeoffice – das ist im technischen Bereich ineffizient.“ Trotzdem sei man mit der Geschäftsentwicklung zufrieden und konnte durch „permanente Teilpräsenz in der Firma und frühzeitige Digitalisierungsmaßnahmen“ die Umsätze halten bzw. sogar ausbauen. Eine besondere Herausforderung in dieser Branche ist indes die Abnahme technischer Produkte, die üblicherweise durch die Kunden im Produktionswerk erfolgt. „Dies passiert seit einem Jahr nur noch über Video, mittels Kamerasystemen und Screenshot-Dokumentationen“, erzählt Teufl. Der Wachstumskurs soll beibehalten werden. „Da der Personentransport mittels Schienenfahrzeugen ein wichtiger Bestandteil der Mobilität der Städte ist, gehen wir von einem weiteren Wachstum für die nächsten Jahre und Jahrzehnte aus.“

Manfred Teufel