30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs: Quo vadis Europa?

Gyula Horn und Alois Mock als echte Grenzgänger

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, am 11. Dezember 1989 durchschnitt der damalige oberösterreichische Landeshauptmann Josef Ratzenböck gemeinsam mit Südböhmens Kreisvorsitzendem Miroslav Senkyr bei Wullowitz den Stacheldraht. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren wuchs Europa immer weiter zusammen. Insbesondere Tschechien und Oberösterreich wurden starke Handelspartner. Was der Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren für ganz Europa bedeutete, wie sich seither die Beziehungen zwischen Ost und West entwickelt haben und welchen Herausforderungen sich Politik und Wirtschaft in Zukunft stellen müssen, darüber diskutierten am 22. Oktober 2019 Irvana Cervenková, Botschafterin der Tschechischen Republik in Österreich, Eduard Müller, Bundesminister für Finanzen, Landeshauptmann Thomas Stelzer, Politikwissenschafter und Osteuropa-Experte Gerhard Mangott und Raiffeisenlandesbank OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller bei der Veranstaltung „Quo vadis Europa“ vor rund 600 Gästen im RaiffeisenForum in Linz.

RLB OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller: Erste ausländische Bank in Tschechien

„Oberösterreich hat von den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich wurden, stark profitiert“, zeigte sich RLB OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller bei der Podiumsdiskussion überzeugt. Raiffeisen sei damals übrigens ein Vorreiter gewesen: „Wir waren die erste ausländische Bank, die in Tschechien eine Filiale – nämlich in Brünn -  eröffnet hat.“ Generelle Befürchtungen, wie etwa die Angst vor billigen Arbeitskräften, seien völlig unbegründet gewesen. „Das wissen wir heute.“

Irvana Cervenková: Erfolgsgeschichte für Tschechien

„Die Öffnung der Grenzen war für Tschechien von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Das Land gilt heute innerhalb der EU als Musterschüler in vielen Belangen. Wir haben die niedrigste Arbeitslosenrate, sind wirtschaftlich sehr stabil und der Wohlstand steigt stetig“, beschrieb Irvana Cervenková, Botschafterin der Tschechischen Republik in Österreich, die Entwicklung der vergangenen Jahre. „Die Beziehung zu Oberösterreich ist heute auf einem absoluten Hoch. Sie ist geprägt von intensivem Austausch und großem Vertrauen.“

Eduard Müller: Folgen der Eröffnung waren anfangs fraglich 

„Der Eiserne Vorhang war ein Zaun am Ende der Welt, eine Bruchlinie der Menschlichkeit. 1989 markiert deshalb eine Zeitenwende, die den Kultur- und Wirtschaftsraum Europa vereint und neu definiert hat. Die EU ist nicht nur ein Wirtschaftsprojekt, sondern vor allem ein Friedensprojekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist“, so Finanzminister Eduard Müller bei der Podiumsdiskussion. In der Nachbetrachtung, 30 Jahre später, sei die Abfolge der Ereignisse rund um den Fall des Eisernen Vorhangs völlig logisch und frei von Zweifel. „Damals konnte aber niemand sicher sagen, ob das Durchschneiden des Stacheldrahts der Grundstein für Frieden oder der Anlass für Krieg sein würde. Die beiden damaligen Außenminister Gyula Horn und Alois Mock waren auch deshalb echte Grenzgänger.“ 

Landeshauptmann Thomas Stelzer: Oberösterreich hat enorm profitiert

„Oberösterreich hat in vielerlei Hinsicht enorm von der Öffnung profitiert. Gerade im Mühlviertel kann man sehen, wie stark sich etwa Tourismus und Wirtschaft in der Grenzregion entwickelt haben. Durch den kulturellen Austausch hat sich sicher aber auch die Art, wie wir leben, verändert“, ist Landeshauptmann Thomas Stelzer überzeugt.

Gerhard Mangott: Gegensatz zwischen Europa und Russland immer noch groß

Politikwissenschafter Gerhard Mangott sieht die Entwicklung seit dem Fall des Eisernen Vorhangs eher kritisch: „Der Westen reklamierte den Fall des Eisernen Vorhangs als einseitigen Triumph gegenüber dem Ostblock für sich. Die Sowjetunion hat aber aus ihrer Perspektive genauso viel zu dieser Entwicklung beigetragen. Diese unterschiedliche Interpretation bestimmt die Entwicklung in den letzten 30 Jahren bis heute mit.“ Daher sei der Gegensatz und die Spaltung zwischen Europa und Russland leider immer noch groß. „Wie kann die Europäische Union mit diesem Russland umgehen? Die EU hat noch keine Antwort darauf gefunden.“ Die EU ist nach der Meinung des Osteuropa-Experten militärisch machtlos, politisch uneins und daher schwach: „Wir brauchen vor allem in der Außen- und Verteidigungspolitik eine neue strategische Aufstellung. Die EU muss vom abhängigen zum unabhängigen Akteur werden.“
 

Foto: honorarfrei; Credit: RLB OÖ

Eduard Müller, Bundesminister für Finanzen, Universitätsprofessor Gerhard Mangott, Politikwissenschafter und Osteuropa-Experte, Ivana Cervenková, Botschafterin der Tschechischen Republik in Österreich, Landeshauptmann Thomas Stelzer, Raiffeisenlandesbank OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller
Eduard Müller, Bundesminister für Finanzen, Universitätsprofessor Gerhard Mangott, Politikwissenschafter und Osteuropa-Experte, Ivana Cervenková, Botschafterin der Tschechischen Republik in Österreich, Landeshauptmann Thomas Stelzer, Raiffeisenlandesbank OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller