New Normal

Die neue Arbeitswelt zwischen Homeoffice, Video-Konferenzen und flexiblen Arbeitszeiten. Welche Auswirkungen hat das auf die Strukturen im Unternehmen?

Die Coronakrise beschleunigt den Wandel der Arbeitswelt: Homeoffice und flexibles Arbeiten werden selbstverständlich – das hat Folgen.

50 % der Führungskräfte im deutschsprachigen Raum sind laut Umfrage von Odgers Berndtson der Meinung, dass sie im Homeoffice effizienter als im Büro arbeiten.

Jogginghose statt Zweireiher, T-Shirt statt Bluse, Schlabberlook statt Krawatte: Im Homeoffice spielt die Kleidung eine untergeordnete Rolle – und selbst bei einer Videokonferenz muss man nur bis zur Körpermitte einigermaßen geschäftlich gekleidet sein. Lockere Kleidungsvorschriften sind aber nur ein Effekt der steigenden Popularität des Arbeitens zu Hause. „Bisher waren die Vorbehalte gegenüber Homeoffice hoch: Viele Unternehmen hatten es prinzipiell angeboten, aber nutzen durften es nur wenige“, sagt Barbara Kellner vom Beratungsunternehmen Deloitte. Oder es war erlaubt, wurde aber von Mitarbeitern wenig genutzt – aus technischen Gründen oder weil Nachteile im Job befürchtet wurden. Das hat sich drastisch geändert: Laut einer Studie von Deloitte, die gemeinsam mit den Universitäten Wien und Graz durchgeführt wurde, wird Homeoffice auch in Zukunft populär bleiben. Die große Mehrheit erwartet sogar, dass Arbeiten außerhalb des Büros stark ausgeweitet wird. Die deutsche New-Work-Expertin Inga Höltmann ist sicher: „Wir haben jetzt einen Ausblick darauf, wie wir in Zukunft arbeiten werden – nämlich flexibler und nicht mehr jeden Tag im Büro.“

„FÜHRUNGSKRÄFTE MÜSSEN AUF ERGEBNISSE STATT ANWESENHEIT ACHTEN"

BARBARA KELLNER, DELOITTE HUMAN CAPITAL

Welche Auswirkungen hat das auf die Strukturen im Unternehmen? „Homeoffice bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Kontrolle“, sagt Barbara Kellner. In dieser Hinsicht müssten Unternehmen klar definieren, wo sie stehen und welche Spielregeln es gibt. Vertrauen wird überhaupt zum zentralen Schlagwort. „Führungskräfte werden mehr auf Ergebnisse statt auf reine Anwesenheit achten müssen.“ Auch Inga Höltmann meint, dass sich gerade ein neues Führungsverständnis herauskristallisiert, bei dem das Ergebnis im Vordergrund steht. Die Popularität von Homeoffice ist das Startsignal für einen grundlegenden Wandel der Arbeitswelten. Flexibles Arbeiten wird zur Norm, ein Mehr an Freiheit zur Selbstverständlichkeit, die richtige Balance zwischen Job und Freizeit noch wichtiger. Höltmann: „Neben der räumlichen Flexibilität ist auch eine zeitliche gefordert, dabei muss auf die Wünsche der Mitarbeiter Rücksicht genommen werden.“ So könne es sein, dass Vollzeitjobs nicht mehr im Mittelpunkt stehen, oder es wird Zeitkompensation anstatt mehr Gehalt gefordert. Flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice passen gut zusammen, wenn Unternehmen das Potenzial der Flexibilität voll ausnutzen möchten, bestätigt Kellner. Ein Trend, der übrigens nicht unbedingt auf jüngere Generationen beschränkt ist – inzwischen wird flexibles Arbeiten auch von älteren Mitarbeitern eingefordert. Dazu kommt: Bei der Suche nach Mitarbeitern spielen Angebote zum flexiblen Arbeiten eine größere Rolle; das gilt vor allem in Bereichen, in denen eine Ausweitung des Bewerbermarkts – Stichwort Fachkräftemangel – gewünscht ist.

„Wir haben jetzt einen ausblick, wie wir in zukunft arbeiten werden.“

INGA HÖLTMANN, NEW-WORK-EXPERTIN

NEUE RAUMKONZEPTE

Auch auf die Büros selbst hat das Auswirkungen. „Büros werden stärker zu Begegnungsräumen, aber Mitarbeiter sollten autonom entscheiden können, was sie möchten“, meint Inga Höltmann. Generell ist ihrer Ansicht nach das Schaffen von Begegnungs- und Austauschräumen für Unternehmen ein zentraler Punkt, aber auch auf virtueller Ebene. In Städten wie London, Paris oder auch Wien wird indes bereits mit gravierenden Auswirkungen der neuen Arbeitswelten auf den Immobilienmarkt gerechnet: Einerseits werden weiter entfernt liegende Wohngegenden für Pendler interessanter, wenn sie nur ein- oder zweimal wöchentlich ins Büro kommen müssen. Andererseits könnten Büromärkte unter Druck geraten, wenn kleinere Flächen benötigt werden. Büros, die individuell und rasch adaptiert werden können, werden stärker nachgefragt.

Ein zentraler Aspekt ist zudem die technische Ausstattung und vor allem die IT-Sicherheit im Homeoffice. Derzeit seien viele Firmen nicht ausreichend auf die Homeoffice-Situation vorbereitet, warnt Martin Mathlouthi, Product Manager Secure Email Platform beim Cloud-Dienstleister Retarus. „Mitarbeiter greifen dann aus der Not heraus auf private Endgeräte zu, die nicht genügend gegen Angreifer abgesichert sind.“ Zur Präven­tion empfiehlt es sich, neben der entsprechenden Hardware ein Augenmerk auf Netzwerksicherheit und die Aufklärung der Mitarbeiter zu den potenziellen Gefahren zu legen. „Unternehmen müssen dabei klare Verhaltensregeln aufstellen“, sagt Mathlouthi. Für das Arbeiten im Home­office bietet sein Unternehmen unter anderem E-Mail-Security-Services über die Cloud an – und zwar unabhängig vom Endgerät.

„Unternehmen müssen für die nutzung privater IT klare regeln aufstellen.“

MARTIN MATHLOUTHI, RETARUS

NACHRICHTENSAMMLER

Ein Unternehmen, das von der steigenden Popularität vom Homeoffice profitiert, ist das Linzer Start-up Newsadoo: Es stellt mithilfe künstlicher Intelligenz aus unterschiedlichen Nachrichtenquellen für User jene Artikel zusammen, die relevant sind. Auch international hat das oberösterreichische Unternehmen, das als Netflix für (Fach-)Medien bezeichnet wird, schon viel Beachtung bekommen. Eigentlich wendet sich Newsadoo primär an Privatkunden, doch im Zuge der Coronakrise wurde eine B2B-Lösung entwickelt. Der Hintergrund: Die übliche Praxis in Unternehmen, Mitarbeiter via Rundlauf von Magazinen und Zeitungen mit fachspezifischen Nachrichten zu versorgen, funktioniert im Homeoffice nicht – und war schon davor mühsam. Nun haben Unternehmen erkannt, dass eine digitale Zustellung nicht nur effizienter, sondern auch günstiger sein kann. „Bei unserer Business-Lösung können Unternehmen jene Quellen auswählen, die beruflich relevant sind. Und es kann nach bestimmten Fachwörtern in Fachmedien gesucht werden“, berichtet Newsadoo-Geschäftsführer David Böhm. Das Interesse seitens der Unternehmen und auch seitens der Fachmedien sei groß, daher werde die Lösung nun ausgebaut. „Über den digitalen Zugriff die richtigen Artikel zu den richtigen Leuten zu bringen, bedeutet mehr Effizienz, weniger Kosten und einen besseren Informationsfluss.“ Das Geschäftsmodell von Newsadoo sieht eine Zusammenarbeit mit Verlagen vor.

„Unsere Konkurrenten sind technologisch fortgeschrittene News-Aggregatoren wie Google News“, sagt Böhm. Das Unternehmen verdient an Abos für Premium-Content und über Werbung – dabei wird das User-Verhalten analysiert und aufgrund dieser Profile kann zielgerichtet Werbung gezeigt werden. Die Corona­krise habe das Umdenken bei den Verlagen beschleunigt. „Sie haben ­gesehen, dass viel mehr Traffic bei programmatischer Werbung nicht ­unbedingt mehr Umsatz bedeutet und dass sie sehr abhängig sind.“ 

Recht & Arbeit

Beim Arbeiten im Homeoffice sorgen die rechtlichen Grundlagen bisweilen für Verwirrung. So gelten Unfälle, die im Homeoffice passieren, noch bis Ende des Jahres als Arbeitsunfälle; Gewerkschaften und Arbeiterkammer drängen bereits auf eine Verlängerung dieser Bestimmung, die wegen des Corona-Lockdowns eingeführt wurde. In anderen Ländern gibt es solche Verordnungen bereits. ­Unsicherheit besteht bisweilen auch wegen der Arbeitszeitregelungen: Im Homeoffice gelten prinzipiell dieselben Bedingungen wie im Büro; flexible Arbeitszeiten sind zwar oft erlaubt, aber rechtlich eigentlich nicht gedeckt.

Text: Robert Prazak