Horx
Der Sinn für die Zukunft

Trendforscher Matthias Horx im Interview

Trendforscher Matthias Horx

Trendforscher Matthias Horx im Interview: Warum jeder Trend einen Gegentrend auslöst, wieso Digitalisierung nicht immer sinnvoll ist und wie man mit etwas mehr Gelassenheit zu wahrer Resilienz im Unternehmen findet. Plus – woran die Zivilisation  in unserer Zeit tatsächlich krankt.

Zukunft entsteht, wenn wir die Welt aus der Perspektive des Morgen betrachten – und unser Geist die Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft verspürt.“ Es sind Sätze wie dieser, die Matthias Horx zum wohl populärsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum machten. Heute berät der Gründer des Zukunftsinstituts große Unternehmen, ist gefragter Keynote-Speaker und erfolgreicher Autor. Mit business sprach er über ­Gegentrends, kurzfristige Hypes und den Mut zur Gelassenheit. 

business: Die Zukunftsforschung arbeitet mit Mega- und Gigatrends wie Globalisierung, Digitalisierung etc. Zeichnen sich schon neue Mega­trends ab oder müssen wir erst die jüngsten Umwälzungen verdauen?

Matthias Horx: Megatrends sind in gewisser Weise ewig. Sie sind Teilmengen des Komplexitätstrends, also der Entwicklung zu immer komplexeren, vielgestaltigeren Systemen. Wenn man so will, vollziehen sie die biologische Entwicklung von den Einzellern bis zum menschlichen Bewusstsein nach. Globalisierung und Verstädterung und Individuali­sierung gehören zusammen, und die Digitalisierung ist quasi das Nervensystem, das alles miteinander verbindet. Allerdings bringen diese großen Entwicklungen auch Widerstände, Gegentrends. So, wie die Turbo-Globalisierung heute den Nationalismus wiederbelebt. Oder die allzu konsequente Individualisierung zu einem tiefen Bedürfnis nach Gemeinschaft führt. Und nach dem Boom der Großstadt immer eine Sehnsucht nach dem Dorf kommt. Das ist gewissermaßen der Verdauungsprozess der Kulturgeschichte: Aus Megatrend und Gegentrend entsteht eine neue Synthese, ein Hybrid. Das „Glokale“. Oder „solidarischer Individualismus“. Oder „urbane Dörfer“.

business: Ein Trend, der im Schatten der Globalisierung und Digitalisierung etwas unterging, ist die Ökologisierung. Der Druck auf Unternehmen, ökologischer, fairer und regionaler zu produzieren, steigt. Ist Umweltsensibilität ein europäischer Luxus?

Horx: Die Ökologie wird zum alles beherrschenden Grundmotiv der menschlichen Zivilisation, einfach deshalb, weil wir jetzt tatsächlich merken, dass wir gemeinsam auf einer Erde leben, die wir nicht einfach weiter aufheizen können. Und weil Umweltprobleme die wahren globalen Probleme sind. Sie sind ja eben keine Luxusprobleme, waren es nie: Früher, als die Europäer noch ärmer waren, sind viele Menschen an Umweltproblemen gestorben; man denke nur an die Bergleute, die keine lange Lebenserwartung hatten. China vollzieht heute den Übergang von einer giftigen Industriegesellschaft in eine Ökomoderne viel, viel schneller als die alten Industrienationen, einfach weil das überlebensnotwendig ist. Sonst würden Millionen Chinesen im Smog sterben. Es wird in unserem Medienzeitalter einfach vieles sichtbarer als früher, als es auch schon unglaubliche Umweltsauereien gab, aber niemand davon erfuhr. Das wird auf Dauer dazu führen, dass sich die Menschheit auf Einigungen einlässt. Wir haben ja schon ein Pariser Klimaabkommen, das auch keiner für möglich gehalten hat. Aber die Menschheit ist durchaus in der Lage, große Krisen gemeinsam zu meistern, man denke an die Wale, das Ozonloch oder Aids. Die Technologien für radikale CO2-Reduzierung sind da, aber natürlich sind die alten Fossil-Lobbys sehr mächtig. 

business: In Ihrem neuen Buch „15 ½ Regeln für die Zukunft“ beschäftigen Sie sich mit der Reaktion auf Veränderungen, die Gegentrends auslösen, wie das „Comeback des Analogen“. Wie sollen Unternehmen darauf reagieren? Die Digitalisierungsprozesse stoppen?

Horx: Nein, sondern klug und wirklich intelligent digitalisieren. Es gab ja eine Zeit, in der man alles und jedes radikal digitalisiert hat. Das ist nicht immer gut gegangen. Zum Beispiel in der menschlichen Kommunika­tion. Die „sozialen Medien“ haben eher eine Katastrophe des Kommuni­ka­tiven erzeugt. Hassstürme, politische Manipulation, eine Zerstörung öffentlicher Debatten, aber auch Narzissmus und das, was man die „digitale Einsamkeitsepidemie“ nennen kann: Am Bildschirm sind viele furchtbar einsam. Auch die Idee, die Pflege von Kindern und Alten Robotern zu überlassen, halte ich für ziemlich dumm. Menschen bleiben eben auch körperliche, sinnliche Wesen, die Nähe und echte Verbindung brauchen. Wenn ein Unternehmen seine Kunden sozusagen in den virtuellen Raum schieben will und nicht mehr direkt kommunizieren möchte, kommt es zu gewaltigen Entfremdungen. Man stelle sich vor, wir könnten als Kunden nur noch mit Sprachrobotern telefonieren, wenn wir Kundenservice wollen. Da würden die meisten Menschen nicht mitmachen, weil sie sich dann abgeschoben vorkämen. Es geht um humane Psychologie, einfach darum, dem Analogen das zu geben, was analog bleiben wird, und das Digitale da zu nutzen, wo es im qualitativen Sinne nützlich ist. Wir nennen das auch „realdigital“ oder eben „erleuchtete Digitalisierung“.

business: Viele Wirtschaftsforscher sagen: Wir leben in einer Zeit des Wandels, der viel rascher passiert als frühere industrielle Revolutionen. Wie passt sich ein Unternehmen an dieses Tempo an?

Horx: Ich glaube zunächst einmal dieser Wirtschaftsforscher-Aussage nicht. Ist es nicht eher so, dass es immer wieder Zeiten gab, in denen sich vieles geändert hat? Wenn vieles sich schnell verändert, bleiben trotzdem eine Menge Dinge gleich oder verlaufen schleppend. Menschen ändern sich einfach nicht so schnell, und auch die Märkte brauchen manchmal sehr lange, bis etwas tatsächlich Neues auftaucht. Wir sprechen auch von der „Asynchronizität“ des Wandels. Und darauf sollte man sich einstellen. Oft ist es viel besser, konsequent graduell ­etwas zu verändern, das ist ja das Geheimnis vieler KMU. Man braucht ja im Unternehmen eine Vertrauenskultur, und die muss wachsen können und gepflegt werden. Dann kommen, wie im persönlichen Leben, allerdings auch manchmal Zeiten, wo alles sehr schnell geht. Darauf kann man sich seelisch vorbereiten, indem man Angst abbaut und „vitale Gelassenheit“ übt. Also skeptisch gegenüber den Hektikern sein, die ständig neue Revolutionen verkünden, und die Dinge eher in der Übersicht betrachten. Wir nennen das auch „futuristische Gelassenheit“. 

business: Der technologische Wandel führt zu Verwerfungen am Arbeitsmarkt. Wie löst sich dieses Problem auf? 

Horx: Diese Prognose gibt es ja schon seit vielen Jahren, aber auch hier kann man sehen, dass nichts so schnell zu radikalen Umbrüchen führt, was fundamentale Sicherheitsbedürfnisse der Menschen berührt. Die Festanstellung ist immer noch das bei Weitem verbreitetste Modell der Arbeit, obwohl wir schon seit 20 Jahren von „New Work“ sprechen. Frauen sind immer noch kaum in die Chefetagen vorgedrungen, obwohl wir uns seit einem gefühlten Jahrhundert mit der endgültigen Feminisierung der Arbeits- und Managementwelt beschäftigen. Ich glaube, es gibt in Zukunft eher mehr Hybridformen der Arbeit. Entweder Abwechslungen zwischen Zeiten der Selbstständigkeit und der Angestelltheit im Lebensverlauf. Oder auch mehr Zeitflexibilisierungen nach der jeweiligen Lebenssituation. In Skandinavien pendelt sich heute die Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden ein, weil dort die meisten Frauen arbeiten und die Erziehungsarbeit geteilt wird. Solche Tendenzen gibt es bei uns auch. Als Gig-Arbeiter kann man aber kaum eine Familie gründen, ist man ja ständig davon bedroht, dass die Preise verfallen oder die Aufträge ausbleiben, da braucht man ein Gegengewicht. Was generell steigt, ist der Verantwortungsgrad, die Selbstständigkeit innerhalb der klassischen Arbeitsverhältnisse. Klassische Befehlshierarchien sind heute einfach zu steif, zu langsam, um mit Komplexität fertig zu werden. Man braucht leben­dige Teams, agile Belegschaften. Das geht nur, wenn man sinnhaft kommunizieren kann, wenn die Vision, die emotionale Zielsetzung des Unternehmens, deutlich wird. Unternehmen, die ihren inneren Zukunftssinn sichtbar machen können, nach außen zu den Kunden und nach innen zu den Mitarbeitern, florieren. Das ist die eigentliche Resilienz.

business: Zum Abschluss noch eine Frage zum Mindful Living: Wie ­sehen Lebensstile im Zeitalter der Achtsamkeit aus?

Horx: Das wahre Zivilisationsproblem, in dem wir leben, ist das in alle Richtungen explodierende mediale System, wir nennen das auch die „Hypermedialität“. Rund um die Uhr werden wir mit Reizen, Störungen, Katastrophenmeldungen, die wir nicht mehr verarbeiten können, bombardiert. Deshalb handelt die Mindfulness-Revolution vor allem von einem bewussten Umgang mit Reizen und Medien. Wir müssen sozusagen unser Inneres, unser klares Denken, wieder zurückerobern. Das bedeutet auch, abschalten zu können, im mehrfachen Sinne. OMline gehen. Dass wir uns zwar mit der Welt verbunden fühlen, aber nicht dauernd von ihr überfahren lassen. Darin liegt eine bestimmte Form der inneren Souveränität, der Gelassenheit. Das kann sich in allem Möglichen ausdrücken: Yoga, Meditation oder einfach Entrümpelung, Aufräumen à la Marie Kondo. Bewusster Verzicht von Überkonsum. Genussvolle Askese. Nicht immer alles haben und besitzen wollen ist der neue Luxus.

Interview: Stefan Schatz
Fotos: Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)