Tabakfabrik Linz
Wo Köpfe rauchen

Tabakfabrik Linz

Tabakfabrik Linz

Die Tabakfabrik in Linz wurde zum Disruptionszentrum: Der traditionsreiche Ort ist aber weit mehr als nur ein Knotenpunkt für Start-ups, sondern soll zum Modell für die Wirtschaftswelt der nahen Zukunft werden.

Über Innovation, digitale Transformation und kollaborative Konzepte für die Wirtschaft wird oft gesprochen. An einem architektonisch spektakulären Ort in Linz werden aus den Worten Taten: In der vom geistigen „Bauhaus“-Vater Peter Behrens erbauten Tabakfabrik versammeln sich heute Start-ups, kleine Unternehmen aus der Kreativwirtschaft, Bildungseinrichtungen, Medienagenturen und Kulturprojekte. In der einstigen, liebevoll „Tschikbude“ genannten, Produktionsstätte rauchen heute die Köpfe. Die Umwandlung liegt in den Händen der Tabakfabrik Linz Entwicklungs- und BetriebsgesmbH, die zur Unternehmensgruppe der Stadt gehört. 2020 arbeiten hier rund 1.600 Personen auf insgesamt 70.000 Quadratmetern; das Areal wird aber ständig erweitert. Die Vielfalt ist erstaunlich: Von typischen Technologie-Start-ups über Ein-Personen-­Unternehmen aus Bereichen wie Design, Kunst oder Sozialem bis zur Denkwerkstatt „Schule des Ungehorsams“ des Karikaturisten Gerhard Haderer reicht die Palette.
 

DAS 300-NETZWERK

Eine zentrale Rolle spielt der Start-up-Campus factory300 der startup300 AG, die seit Anfang dieses Jahres an der Börse gelistet ist. Als Erweiterung dieses Campus gibt es seit vorigem November eine Straße der Innovation: Die "Strada del Start-up" soll Gründern günstige Möglichkeiten bieten, ihre Ideen zu entwickeln und gleich mit potenziellen Partnern und Investoren in Kontakt zu kommen. In der Innovationswerkstatt namens "Grand Garage" werden Ideen vom Papier in die Realität übersetzt : Hier können auf Maschinen Prototypen ­hergestellt und Experimente durchgeführt werden, etwa in den Bereichen Robotik, 3D-Druck und Virtual Reality.
 

DER INNOVATION RAUM GEBEN

In der Tabakfabrik ist auch der Innovation Hub der Raiffeisenlandesbank OÖ angesiedelt: Dort soll der Innovation Raum gegeben werden, wie es Leiterin Barbara Wagner ausdrückt – und zwar durchaus auch abseits der Finanzbranche und abseits der üblichen Prozesse. Dabei wird eng mit startup300 zusammengearbeitet, und genau daraus ist bereits ein Innovationsprojekt entstanden, das in eine konkrete Umsetzung mündet: Unter dem Namen Gibble wurde ein Finanztool für Start-ups geschaffen, das im Sommer 2019 als App ausgerollt wurde. Damit können Finanzdaten der jungen Unternehmen übersichtlich und einfach dar­gestellt werden. „Wir holen uns als Innovation Hub Inputs von außen und beobachten, wie sich Trends entwickeln“, sagt Wagner. Die Tabakfabrik sei dafür der ideale Ort, denn „durch Austausch und Diskus­sion kann viel entstehen“. Weitere Inno­va­tions­prozesse sollen nun angestoßen und ein umfassendes Netzwerk geschaffen werden – factory300 und die Raiffeisenlandesbank OÖ haben zudem eine Diskussionsreihe namens „Industry Meet­up“ gestartet, dabei geht es um die Übersetzung von Innovationen in konkrete Anwendungsfälle.
 

DOLMETSCHER FÜR DIE GESELLSCHAFT

Nur neue Produkte zu entwickeln oder Silicon-Valley-Abbild zu werden, ist für die Tabakfabrik-Betreiber kein Ziel. Vielmehr schwebt Chris Müller, einst Tischler, Rockband-Betreuer, Bildhauer und heute Multiunternehmer und Tabakfabrik-Direktor, etwas anderes vor: „Wir gelten europaweit als Best-Practice-Beispiel, weil wir kein klassisches Immobilienunternehmen sind, sondern einen kollaborativen Konzern mit einem florierenden Ökosystem aufgebaut haben.“ Die Tabak­fabrik sei zudem eine „Dolmetscherkabine für die Gesellschaft“.

Gewandelte Industrie

Aus der Industrie-Brache Tabakfabrik entstand ein kreatives Zentrum für Wirtschaft, Gesellschaft und Innovation. Chris Müller, Direktor der Tabakfabrik, über seine Vision, unpassende Vergleiche und den typisch europäischen Weg.

Chris Müller, Direktor der Tabakfabrik
Chris Müller, Direktor der Tabakfabrik

BUSINESS: WAS IST IHRE VISION FÜR DIE TABAKFABRIK?

Chris Müller: Die Tabakfabrik soll der erste kollaborative Konzern der Welt werden und ein neues Verständnis für Arbeit schaffen. Es wird mit der Fabrik als Hardware der Raum geschaffen, in dem Individualisten gemeinsam arbeiten können. Kreativität ist schließlich der Rohstoff der Zukunft.

 

BUSINESS: WIE KANN DIESE KREATIVITÄT ERZEUGT WERDEN?

Müller: Man muss Menschen und Kompetenzen an einem Ort zusammenbringen – gerade, wenn sie nicht alle einer Meinung sind. Wir trennen auch nicht zwischen technischen oder künstlerischen Innovationen, das gehört alles zusammen.

 

BUSINESS: WIESO SOLLTE GERADE DIE TABAKFABRIK DAFÜR DER RICHTIGE ORT SEIN?

Müller: Hier kann das, was besprochen wurde, in die Praxis umgesetzt werden. Die Idee einer einzelnen Person kann bis zur Fertigung gebracht werden und die Produktion kann dann gleich ausgestellt werden. Wir fragen dann auch, was man daraus lernen kann – so schließt sich der Kreis.

 

BUSINESS: WORAUF ACHTEN SIE BEI DEN PERSONEN UND UNTERNEHMEN, DIE MITMACHEN WOLLEN?

Müller: Man kommt nicht hinein, nur weil man einen Platz braucht. Es ist wichtig, dass man gebraucht wird, das wird genau kuratiert. Es wird gefragt: Was haben die hier angesiedelten Leute von den Neuen? Wir wollen ja kein Monoblock werden, der scheitert, sobald ein bestimmendes Thema nicht länger aktuell ist. 

 

BUSINESS: GIBT ES DENNOCH EINE THEMATISCHE KLAMMER?

Müller: Wichtige Themen sind Bildung, technische Exzellenz und ein philosophischer Überbau – wir wollen auf Metaebene hinterfragen, was geschehen wird. Und die Digitalisierung ist eine Klammer über viele Themen. Außerdem prägt uns das Umfeld in Linz, etwa durch die voestalpine oder andere Industrieunternehmen.

 

BUSINESS: WAS IST IHRE PERSÖNLICHE MOTIVATION FÜR DIESES PROJEKT?

Müller: Es eine enorme Chance für Projektentwickler, etwas von null aufzubauen – so etwas kriegt man nie wieder. Es ist dieser immense Wille da, in der Gegenwart die Zukunft zu schaffen. Da muss man durchaus auch demütig sein. Und motivierend ist für mich außerdem, mit Menschen zusammenzukommen, die einen täglich bereichern und klüger machen.

 

BUSINESS: BEI START-UPS KOMMT STÄNDIG DER VERGLEICH MIT DEM SILICON VALLEY. WAS HALTEN SIE DAVON?

Müller: Das ist gar nicht zu vergleichen. Das Silicon Valley hat eine ganz andere Energie und Dichte. Das ist, als würde man den Attersee mit einem Ozean vergleichen – dort schwimmen ganz andere Fische. Wir sollten den Attersee eher mit dem Wörthersee vergleichen. Europa hat aber die Chance, vieles einzubringen: Kultur, Freiheit und auch die Gewissheit, dass das Erreichte abgesichert wird.

 

BUSINESS: WO WIRD DIE TABAKFABRIK IN ZEHN JAHREN STEHEN?

Müller: In zehn Jahren soll die Tabakfabrik fertig ausgebaut sein. Wir haben dann aus einem ehemals verbotenen Teil der Stadt einen öffentlichen Raum gemacht. Und dann beginnt das, worum es wirklich geht: die Software so weit zu entwickeln, dass sie als Prototyp für ähnliche Modelle in anderen Ländern Europas gilt und Grundlage für ein starkes Netzwerk ist.