Herlitschka
Pilot statt Beifahrer

"Der digitale Wandel ist noch lange nicht durch und wird noch an Tempo zulegen." (Sabine Herlitschka)

Sabine Herlitschka im Interview

Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG und Key-Speakerin bei Wirtschaft am See 2019

business: Frau Herlitschka, ist Europa im Vergleich mit anderen Wirtschaftsräumen für die Digitalisierung gut aufgestellt?

Sabine Herlitschka: Europa muss Stärke zeigen, denn der globale Wettbewerb wird zunehmend zum technologischen Wettkampf. China und die USA agieren mit Protektionismus und enormen Investitionen. Die Vernetzung von Forschung, Innovation und Produktion wird zum geopolitisch hochstrategischen Faktor. Und da muss Europa Kräfte bündeln. Es muss gelingen, Ökosysteme entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu vernetzen und das Wissen schneller in Lösungen für den Markt umzusetzen. Dazu gehört ein strategischer Fokus der Industrie-, Forschungs- und Technologiepolitik als auch eine entsprechende finanzielle Ausstattung. Das gilt insbesondere für Schlüsseltechnologien wie die Mikro- und Nanoelektronik. Sie sind Innovationstreiber für viele andere Industrien. Im Umweltschutz, in der nachhaltigen Mobilität oder der Energieeffizienz sowie rund um das Agieren in einer vernetzten Welt tun sich enorme Chancen auf.

business: Noch stellt sich aber die Frage, welche Technologien, wie etwa die künstliche Intelligenz, die Wirtschaft besonders stark beeinflussen werden.

Herlitschka: Der digitale Wandel ist noch lange nicht durch, wird an Tempo zulegen. Man denke nur an die Sprach- und Gestensteuerung von Geräten, Augmented Reality, autonomes Fahren, Internet der Dinge oder die personalisierte Medizin. Künstliche Intelligenz und Technologien verändern nicht nur Geschäftsmodelle, sondern auch das Zusammenspiel von Unternehmen, Kunden und ganzen Ökosystemen. Je nahtloser sich Technologie in den beruflichen und privaten Alltag einfügt, umso wichtiger wird es, den verantwortungs- und vertrauensvollen Umgang mit Technologie und Daten in den Fokus zu rücken und dorthin zu lenken, wo sie den Menschen und der Gesellschaft nutzen.

business: Wie kann sich die österreichische Wirtschaft also jetzt auf den Wandel einstellen?

Herlitschka: Die Digitalisierung bietet die Chance für Unternehmen, ihre Märkte zu erweitern und ihre Unternehmens- und Innovations­kultur entsprechend den neuen Möglichkeiten von Industrie 4.0, KI und der verstärkten digitalen Vernetzung neu zu gestalten. Dafür muss dieser Wandel aktiv gestaltet werden, es gilt, Pilot und nicht nur Beifahrer zu sein. Umso wichtiger ist es, auf die Qualifizierung, Aus- und Weiterbildung, auf Diversität und Kooperation mit Kunden, Lieferanten oder Forschungspartnern zu setzen. Bei Infineon gehört Innovation zur Strategie, die vom engagierten, mutigen und nach vorne gerich­teten Mindset unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich gelebt wird.

business: Apropos Mindset: Was spricht generell für den Standort Österreich?

Herlitschka: Österreich verfügt, trotz Konjunktureintrübung, über eine solide wirtschaftliche Basis. Hinsichtlich Lebensqualität, Stabilität und Sicherheit bietet Österreich ein ausgezeichnetes Umfeld. Pluspunkte sind sicherlich die Qualifikation der Beschäftigten sowie Maßnahmen in der Forschungsförderung und die Forschungsprämie. In einem Hochlohnland punkten wir allerdings nur dann, wenn wir uns als Wissens- und Innovationsstandort offensiv weiterentwickeln, das ist ein wichtiger Faktor für den steten Ausbau der Standortqualität, denn man wird rasch schlechter, wenn andere besser oder schneller geworden sind. Investitionen in Bildung, Wissen, Forschung, Innovation und Infrastruktur bleiben daher höchst zukunftsrelevant.