„Unser oberstes Ziel ist es, niemanden im Regen stehen zu lassen“

Heinrich Schaller, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ

29.05.2020 | Wie sich die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich organisatorisch auf den Shut-Down eingestellt hat, was jetzt für Unternehmer wichtig ist und was von der Corona-Krise bleiben wird, darüber spricht Heinrich Schaller, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ, im Interview.

Herr Generaldirektor Schaller, wie unterscheidet sich die aktuelle Krise von der Finanzkrise 2008?

Heinrich Schaller: Mit 2008 kann man die aktuelle Situation nicht vergleichen, denn damals ging die Krise vom Finanzsektor aus. Heute ist die gesamte Realwirtschaft direkt betroffen. Darüber hinaus hat der Bankensektor seit 2008 deutlich an Stabilität gewonnen, Banken verfügen heute über mehr Eigenkapital zur Absicherung.

Wie können Banken jetzt Kunden in dieser schwierigen Lage unterstützen?

Heinrich Schaller: Unsere Aufgabe ist es jetzt, für Stabilität zu sorgen. In erster Linie gilt es, die Liquidität der Unternehmen zu sichern. Dort, wo es notwendig ist, werden auch Zinsen und Kreditrückzahlungen nach hinten geschoben. Wichtig ist, möglichst schnell und unbürokratisch zu helfen und die besten Lösungen im Zusammenhang mit den staatlichen Förderungen zu garantieren.

Stichwort staatliche Maßnahmen: Die versprochene Liquidität für Unternehmen kommt bei vielen nicht oder nur zögerlich an, wie man immer wieder hört. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Heinrich Schaller: Bei den Maßnahmen für die Wirtschaft hat es zu Beginn eine Diskrepanz zwischen Ankündigung und tatsächlicher Umsetzung gegeben, weil man aufgrund der notwendigen Schnelligkeit der Planung vielleicht zu wenig durchdacht hat, wie die öffentlichen Stellen die Maßnahmen umsetzen können. Da hat es von Kunden Unmut gegeben, der an den Banken abgeladen wurde, auch wenn diese nichts dafür konnten. Aber hier wurde seitens der Regierung ja mittlerweile schon nachgeschärft und die Abwicklung durch die Vereinfachung von teils organisatorischen, teils rechtlichen Rahmenbedingungen beschleunigt.

Was bedeutet das in Zahlen bei den Überbrückungsfinanzierungen bzw. bei den Kreditstundungen?

Heinrich Schaller: Wir haben in der Raiffeisenbankengruppe OÖ im Kontext von COVID-19 mehr als 11.000 Kreditstundungen abgewickelt, 58 Prozent davon betreffen Privatkunden. Das Stundungsvolumen beträgt rund 76 Millionen Euro. Außerdem haben wir 1.885 Anträge für Überbrückungshilfen der staatlichen Förderstellen wie AWS, ÖHT oder OeKB in Bearbeitung bzw. bereits abgewickelt, was einem Volumen von mehr als 1,1 Milliarden Euro entspricht. Diese Zahlen machen deutlich, dass wir wirklich alles unternehmen, um unseren Kunden zur Seite zu stehen und sie zu unterstützen. Unser oberstes Ziel ist es, niemanden im Regen stehen zu lassen.

Wie beurteilen Sie die Stimmung bei Ihren Unternehmenskunden?

Heinrich Schaller: Natürlich ist die Stimmung auch nach den aktuellen Lockerungen von großer Unsicherheit geprägt, weil man nur sehr schwer abschätzen kann, wie sich die nächsten Monate wirtschaftlich entwickeln werden. Ich gehe davon aus, dass es erst 2021 zu einer echten Erholung kommt. Fest steht, dass Bereiche wie der Dienstleistungssektor und besonders Tourismus-Betriebe auch über den Sommer hinaus enorme Herausforderungen bewältigen müssen.

Was bedeutet die gegenwärtige Lage für Ihre zahlreichen strategischen Firmen-Beteiligungen?

Heinrich Schaller: Wir haben ein sehr breit gefächertes Beteiligungsportfolio und sehen, dass es keine Branche gibt, die keine Auswirkungen spürt. Auch unsere Industriebeteiligungen leiden natürlich unter Umsatz- und Absatzrückgängen, aber man kann hier keineswegs von Existenzgefährdung sprechen, auch wenn es sich natürlich in den Ergebnissen niederschlagen wird. Das wird einmal zu verkraften sein, aber ich bin davon überzeugt, dass es danach wieder relativ stark bergauf gehen wird.

Wie haben Sie den Shut-Down vor rund zweieinhalb Monaten erlebt? Wie sind Sie in der Raiffeisenlandesbank OÖ organisatorisch damit umgegangen?

Heinrich Schaller: Wir haben sehr früh reagiert, ein umfangreiches Maßnahmenpaket umgesetzt und unsere Arbeitsweise in der Bank völlig umgestellt. Innerhalb kürzester Zeit war ein Großteil unseres Konzerns, also die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bank und unserer Tochterunternehmen, im Homeoffice. Nur noch rund 13 Prozent waren direkt vor Ort tätig. Wir haben ja schon vor längerer Zeit unser Hard- und Software-Konzept umgestellt. Alle Mitarbeiter sind mit Laptops ausgestattet und können auch außerhalb des Büros auf unsere Systeme zugreifen. Außerdem haben wir ein sehr gutes System für Telefon- bzw. Videokonferenzen. Dieser große Digitalisierungsschritt, den wir bereits vor einiger Zeit gesetzt haben, hat uns jetzt sehr geholfen. Daher ist der Umstieg auf Homeoffice auch rasch und reibungslos gelungen. Jetzt setzen wir gerade ein Konzept zum Wiederhochfahren um, wo aktuell rund 40 Prozent der Mitarbeiter wieder im Haus tätig sind.

Wie wird sich die Corona-Krise mittelfristig auf das Bankgeschäft auswirken?

Heinrich Schaller: Was ganz sicher bleiben wird, ist ein Anschub der Digitalisierung. Da geht es um die Weiterentwicklung von IT-Know-how, aber auch um eine Reihe von aufsichtsrechtlichen Aspekten. Ich denke da beispielsweise an digitalisierte Prozesse beim Abschluss von Rechtsgeschäften. Aber sicherlich auch an die weitere Akzeptanz von Telefon- bzw. Videokonferenzen – nicht nur mit Kunden, sondern auch bei Besprechungen mit Kollegen. Da können wir uns sicherlich den einen oder anderen Weg sparen, was nicht nur eine Zeitersparnis darstellt, sondern letztlich auch die Umwelt schont.

Die Corona-Krise hat auch gezeigt, dass immer mehr Menschen bargeldlos bezahlen. Welche Innovationen sind hier zu erwarten – in welche Richtung wird sich das entwickeln?

Heinrich Schaller: Ja, in der aktuellen Situation wurde die Möglichkeit des bargeldlosen Bezahlens noch stärker genutzt als bisher. Aber nicht nur das bargeldlose, vor allem auch das kontaktlose Bezahlen am Point of Sale mit Karte oder Smartphone: Bereits 4 von 5 unserer Kunden nutzen diese Bezahlweise an der Kassa. Das Smartphone und andere Geräte wie Smartwatches werden in diesem Zusammenhang künftig immer wichtiger, die Funktionen werden aber in weiterer Folge über das Bezahlen hinaus gehen. Die Bedürfnisse unserer Kunden sind in diesem Zusammenhang sehr unterschiedlich, deshalb wollen wir ihnen auch viele Optionen anbieten, egal ob sie bar, mit Karte oder via Smartphone zahlen möchten.

Was passiert mit dem Bargeld?

Heinrich Schaller: Bargeld hat in Österreich nach wie vor einen hohen Stellenwert, das wird auch noch länger so bleiben. Neue Technologien zu etablieren bedeutet nicht, dass eine Bezahlmöglichkeit eine andere ablöst, wir schaffen vielmehr neue Optionen. Unsere Kunden entscheiden, wie sie ihre Geldgeschäfte erledigen möchten.