Arbeitsplatz Zukunft

Wie sieht der Arbeitsalltag von übermorgen aus? Trendforscher, Keynote-Speaker, Kolumnist und Consulter Tristan Horx analysiert im Interview die wichtigsten Entwicklungen aus Sicht der Millennials.

Wie viel werden wir übermorgen arbeiten: 60 Stunden die Woche oder nur vier Tage?

Tristan Horx: Starre Arbeitszeiten wird es in Zukunft gar nicht mehr geben. Egal ob 35, 40 oder 60 Wochenstunden: Das basiert auf derselben – von der Industrialisierung geprägten – Grundidee der Anwesenheitspflicht und des kontrollierten Abdienens. Am Fließband hat dieses Modell auch perfekt funktioniert. Aber wozu Technologie und Fortschritt, die Menschen ermöglichen, sich komplexeren Aufgaben zu widmen, wenn man diese Herausforderungen in einem starr bleibenden Zeitrahmen erledigen muss? Viele Studien belegen, dass die Produktivität mit zunehmender Arbeitsdauer sinkt. Natürlich wird es aus arbeitsrechtlicher Sicht einen gesetzlichen Mindestrahmen geben. Aber der kann nicht mehr gleichzeitig für Lkw-Fahrer, Supermarktmitarbeiter oder Kreative am Computer gelten. Es kommt die Individualisierung.
 

Mit Corona kamen neue Technologien wie Zoom in den Berufsalltag. Verschwindet der physische Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen?

Horx: Videoconferencing war längst im Kommen, nur die alte Anwesenheitspflicht hat den Durchbruch verhindert. Jetzt, im Homeoffice, merken wir die Grenzen dieser Technologie. Nur 15 bis 20 Prozent der menschlichen Kommunikation erfolgt verbal. Deshalb wird sich auch der Einsatz von Virtual-Reality-Brillen nur auf bestimmte, genau definierte Bereiche beschränken. Was kommen wird, ist eine neue Zeitzuteilung. Homeoffice wird bleiben, schon allein deshalb, weil es viele und lange Anreisewege erspart. Dort erledigt man alles, wobei man konzentriert und zurückgezogen arbeiten muss. Aber ein oder zweimal die Woche wird man auch in ein Büro fahren, um sich mit anderen intensiv auszutauschen.

Verändert sich dadurch auch das Büro der Zukunft, also die Räumlichkeit?

Horx: Die gebauten Bürostrukturen funktionieren jetzt schon nicht: Open-Office-Großraumlösungen ebenso wenig wie die kleinen Ein-Mann-Zellen. Die Mischform mit Rückzugsorten wird wegen Home­office obsolet. Die Unternehmen werden also Sozialfläche aufbauen und Bürofläche reduzieren. Die Ära, wo die Belegschaft gemeinsam Zeit absitzen muss, ist vorbei und war auch dem Teambuilding nicht hilfreich. Wenn man in Zukunft ins Büro fährt, ist man sozial gelaunt. Wenn man ungestört arbeiten will, bleibt man zu Hause. Die spannende Frage ist jene der Finanzierung von Homeoffices. Ich empfehle ­Unternehmen, ihre Arbeitnehmer bei der Beschaffung einer größeren Wohnung mit eigenem Arbeitsbereich zu unterstützen. Erstens, weil auch der Chef nicht will, dass die Angestellten beim Arbeiten am Bett sitzen, und zweitens, weil ein geeigneter Raum die Produktivität steigert.

Wie organisiert man Prozesse im Unternehmen der Zukunft, das über viele Homeoffices verteilt ist?

Horx: Unternehmen sind organische Gebilde, die man mit rigiden Mustern niederzupressen versuchte. In unserer Beratung zeigt sich: Hierarchische Strukturen sind am Anfang gut, um Abläufe zu schaffen und die Umsatzfähigkeit zu erhöhen. Aber: Es folgt schnell ein Peak, dann wird die Hierarchie von der zunehmenden Komplexität überholt. Die Antwort darauf sind Netzwerkstrukturen, wie sie bei Global Playern schon im Entstehen sind. Nehmen Sie etwa Tesla-Gründer Elon Musk. Sein Credo in Meetings: Wenn ein Teilnehmer nach zehn Minuten merkt, dass er nichts beitragen oder lernen kann, soll er gehen. Das wäre im DACH-Raum derzeit völlig unvorstellbar. Aber auch hierzulande braucht es eine neue Form von Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ein beiderseitiges Vertrauen. Man muss nicht auf strikte Regeln pochen, wenn die Mitarbeiter merken, dass Abläufe und Strukturen Sinn haben und funktionieren und sie dadurch mehr berufliches, aber auch privates Glück haben.

Was wird die größte Umstellung auf dem Weg zur Arbeit der Zukunft?

Horx: Alle sprechen von Digitalisierung, aber der eigentliche Sieger der Coronakrise ist die Nachhaltigkeit. Das Thema zieht sich bei großen Unternehmen wie Daimler hinkünftig durch alle Strukturen und Prozesse, BMW setzt eine ähnliche Strategie um. Wobei Nachhaltigkeit breiter gefasst wird: Einerseits beinhaltet es die ökologische Komponente mit Emissionen und Klimawandel, andererseits aber auch das Thema Resilienz. Nachhaltigkeit heißt auch, dass ein Unternehmen selbst bei einer unvorhersehbaren Störung nicht gleich untergeht, sondern möglichst lange weiterfunktioniert. Die dritte Facette ist: Man will Mitarbeiter nachhaltig im Unternehmen halten. Bisher wurde die junge Generation kritisiert, sie zeige keine Loyalität zum Arbeitgeber. Nur: Die Unternehmen haben ihnen auch keinen Anlass geboten, um loyal zu sein. Es gab kein Vertrauen, kein Verständnis für ihre Bedürfnisse. Corona hat die Karten neu gemischt, das wird jetzt anders. Deshalb meine ich: Die Schlacht um die Nachhaltigkeit ist gewonnen. 

Interview: Stefan Schatz

Zur Person

Tristan Horx ist Junior-Futurist und vertritt die Sichtweise der jungen Trend- und ­Zukunftsforschung. Seine Themen kreisen um die Generationsfrage (X/Y/Z, Millennials), New Work, Individualisierung, Lebensstile und Megatrends. Er hat Kulturanthropologie studiert, schreibt Zeitungskolumnen und Bücher („Generation Global“), produziert Filme, einen Podcast mit Zukunftsmenschen (Treffpunkt Zukunft) und arbeitet im Zukunftsinstitut seines Vaters Matthias Horx mit, obendrein lehrt er als Dozent Trendforschung an der SRH Hochschule Heidelberg und an der FH Wieselburg.

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