Urban Air Mobility
Taxi bitte!

Zur Arbeit fliegen statt im Stau stehen.

Urban Air Mobility

Zur Arbeit fliegen statt im Stau stehen. Was in Teilen Asiens schon Realität ist, wollen FACC und das weltbeste Unternehmen im Bereich autonomer Luftfahrt – EHang – nun auch im Rest der Welt möglich machen.

Schon wieder ein Stau! Das wird sich definitiv nicht ausgehen, der Termin muss wohl verschoben oder abgesagt werden. Jetzt wäre es gut, man könnte abheben und einfach ans Ziel fliegen. Unmöglich? Derzeit schon, aber bereits in wenigen Jahren sollen Flugtaxis eine echte Alternative zu PKW und Bus sein. Autonome Luftfahrzeuge sollen dann die Passagiere sicher und rasch befördern und somit den Druck von den überfüllten Straßen nehmen. Und ein österreichisches Unternehmen ist an vorderster Stelle dabei, wenn es um die Entwicklung solcher autonomen Luftfahrzeuge geht: FACC mit Sitz in Ried im Innkreis hat sich als Hersteller von Leichtbautechnologien für die Luftfahrt weltweit einen Namen gemacht. Nun betritt es im besten Wortsinn aber eine ganz andere Dimension: „Autonomes Fliegen unter Nutzung des Luftraums als dritter Dimension wird aus Expertensicht früher möglich sein als autonomes Fahren“, erzählt Robert Machtlinger, CEO von FACC. Das autonome Fliegen soll dabei sogar einfacher umzusetzen sein als autonomes Fahren auf der Straße – das sei von der Ausgestaltung her schließlich viel komplexer, da die Räume am Boden stärker eingeschränkt sind und die Verkehrsdichte wesentlich höher ist.
 

DIE BESTEN KOOPERIEREN

Fliegen statt fahren? Eine Vision, die gar nicht so weit in der Zukunft liegt – und FACC will bei der Entwicklung der Flugtaxis eine Vorreiterrolle einnehmen. Das Know-how aus dem Flugzeugbau mit Schwerpunkt Leichtbaukomponenten ist ja schließlich vorhanden, da scheint der Sprung zu den autonomen Flugtaxis nicht mehr allzu weit. Und deshalb ist der oberösterreichische Spezialist im November 2018 auch eine strategische Partnerschaft mit EHang eingegangen: Das chinesische Unternehmen mit Sitz in Guangzhou gilt weltweit als erste Adresse, wenn es um autonome Luftfahrzeuge geht, und hat bereits 2016 in Las Vegas ein erstes Modell präsentiert, das für einiges Aufsehen sorgte und bewiesen hat, dass es mit dem städtischen Verkehr hoch hinaus geht. FACC wird EHang zukünftig demnach im Bereich Hightech-Hardware mit Entwicklung, Zertifizierung, Produktion und weltweitem Aftermarket-Service unterstützen. „Unser Part ist es, den Prototypen weiterzuentwickeln, das Gewicht mit der Leichtbaukompetenz signifikant zu reduzieren und im Laufe des Jahres eine Fertigungsstraße in Österreich aufzubauen“, berichtet Robert Machtlinger über die Einzelheiten der Zusammenarbeit. EHang wird seinerseits den Part als Erfinder und Experte übernehmen, etwa wenn es um die Softwarelösungen und die Connectivity geht.
 

FORTGESCHRITTENE ENTWICKLUNG

Es klingt noch nach Science-Fiction und es scheint undenkbar, dass wir schon in wenigen Jahren über Staus, Ampeln und hupende Zeitgenossen einfach drüberfliegen könnten. Dabei sind die technologischen Voraussetzungen bereits vorhanden: Beinahe unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit basteln Hersteller Und Zulieferer seit etlichen Jahren mit Hochdruck an der Umsetzung von Lufttaxis. Und schon bald werden die ersten davon tatsächlich Passagiere von A nach B befördern: „Mit dem ersten öffentlichen Großversuch wird im Jahr 2020 bei der Weltausstellung in Dubai gestartet, bei dem autonome Fluggeräte den Passagieren zur Verfügung gestellt werden“, sagt Machtlinger. Überhaupt könnte Dubai eine Art Feldlabor für die Weiterentwicklung und praktische Erprobung des autonomen Luftverkehrs in urbanen Gebieten werden – das Emirat leidet unter dem wachsenden Verkehr, hat zugleich die finanziellen Mittel und den Willen, in Sachen städtischer Luftverkehr zur weltweiten Nummer eins zu werden. Und Angst vor Schneefall braucht man in der Region bekanntlich auch nicht zu haben.

Tatsächlich wird es nun Schlag auf Schlag gehen mit der Weiterentwicklung der Luftfahrzeuge – und zwar nicht nur in Dubai. Schon Ende 2019 wird das erste Luftfahrzeug „Made im Innviertel“ zu sehen sein, erzählt Robert Machtlinger stolz. „Anschließend folgt das Hochfahren der Fertigungsrate, wobei in den beiden Folgejahren bereits die ersten 300 serienreifen Fluggeräte gebaut und verkauft werden sollen.“ Schon in fünf bis zehn Jahren sollte der Einsatz von Flugtaxis realistisch sein, heißt es laut Unternehmensberatung Roland Berger – und dementsprechend wird auch die Nachfrage nach entsprechenden Fluggeräten steigen. „In der Anfangsphase werden aber vorrangig Materialtransporte etwa zur Versorgung von Ölplattformen oder auch für medizinische Transporte angedacht“, meint FACC-Chef Machtlinger. Generell werde es bei der „Urban Air Mobility“, so der Fachausdruck für diesen gesamten Bereich, weniger um das Fliegen von Privatkunden gehen. Vielmehr steht die gemeinsame Nutzung autonomer Flugtaxis im Vordergrund; solche Geschäftsmodelle könnten beispielsweise von Airlines oder Verkehrsverbünden entwickelt werden. Wie bei autonomen PKW könnte auch für Flugtaxis die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz ein wichtiges Kriterium sein – die Fortschritte auf diesem Gebiet sind jedenfalls beachtlich. Der Vorteil gegenüber den Straßenfahrzeugen: In der Luft gibt es weniger Hindernisse als am Boden.

Der Traum vom innerstädtischen Fliegen ist natürlich auch ein großes Geschäft und ein Hoffnungsmarkt für Hersteller und Zulieferer. Die Konkurrenz darf demnach nicht unterschätzt werden: So bauen unter anderem die großen Flugzeughersteller Airbus und Boeing, aber auch die Fahrtdienstvermittlung Uber mit Hochdruck an eigenen Flugtaxis. Ab der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts soll der Markt dann so richtig abheben: 30.000 bis 40.000 autonome Luftfahrzeuge werden benötigt, heißt es Schätzungen zufolge. Die größte Hürde für eine Umsetzung in die Praxis stellen aber gar nicht technische Fragen dar, sondern rechtliche und regulatorische Aspekte. Dass in städtischen Lufträumen Flugtaxis – die vom Aussehen am ehesten an überdimensionale Drohnen erinnern – unterwegs sein werden, ist wahrlich eine Herausforderung für die Flugsicherung. Die Gestaltung der notwendigen Rahmenbedingungen und Regularien für den Luftverkehr wird daher sicher nicht einfach, da wird es – ebenso wie beim autonomen Fahren – wohl noch einige Testprojekte geben müssen. Auch in dieser Hinsicht will FACC aber zusammen mit seinem chinesischem Partner EHang und anderen Partnern aus der Industrie die Kooperation mit den Behörden suchen, heißt es. Die Vision der Oberösterreicher ist jedenfalls klar: Sie wollen im Bereich der Urban Air Mobility genauso erfolgreich sein wie in ihrem Kerngeschäft, in der globalen Aerospace-Industrie.

Es scheint also mehr als Science-Fiction, dass wir schon in einigen Jahren einfach zur Arbeit, zum Flughafen oder ins Kino fliegen.

  • 3 Millionen Flugtaxis könnte es laut Studien bis 2050 weltweit geben.

  • 5,2 Milliarden Menschen leben 2030 in Städten – und brauchen neue Verkehrslösungen.

  • Asiens Metropolen wie Peking und Shanghai werden Lufttaxi-Vorreiter.

  • 2027 könnte es in Europa die ersten fixen Lufttaxi-Routen geben.

Text: Robert Prazak