Nachhaltigkeit auf dem Teller

Die VIVATIS-Gruppe aus Linz setzt in der Lebensmittelherstellung auf regionale Erzeugung, Kreislaufwirtschaft und ressourcenschonende Verfahren. Mit der Investition in das Start-Up Ecofly, das Tierfutter aus Insektenlarven produziert, geht das Unternehmen neue nachhaltige Wege.

VIVATIS – das ist Maresi, Inzersdorfer und Knabbernossi, um nur einige Marken unter der Holding der Oberösterreicher zu nennen. VIVATIS steht aber nicht nur für Kaffeemilch und Fertiggulasch, sondern auch für Nachhaltigkeit in der Lebensmittelerzeugung. Gerald Hackl, seit 2013 Vorstandsvorsitzender der VIVATIS, ist bekennender Verfechter „echter“ Nachhaltigkeit.

Mit dem Greenwashing, das in den letzten Jahren anderswo betrieben wurde, kann Hackl so gar nichts anfangen. Er mache lieber, anstatt zu reden – Nachhaltigkeit sei schließlich kein optionales Add-on, das sich eine Firma aus Marketingzwecken einfach überstülpen könne. Konkret bedeutet Nachhaltigkeit bei VIVATIS Regionalität und ressourcenschonende Produktion. Rohstoffe kommen aus Österreich, Wärmepumpen, Kälteanlagen und Abwärmenutzung senken den Verbrauch von Erdgas und den Ausstoß von CO2. 

Gerald Hackl, Vorstandsvorsitzender VIVATIS Holding AG
Gerald Hackl, Vorstandsvorsitzender VIVATIS Holding AG

Wärmerückgewinnung, Wasseraufbereitung und energieeffiziente Beleuchtungstechnologien gehören zu den Standards in allen Betrieben der Gruppe. Mit der Marke GOURMET versorgt VIVATIS täglich 300.000 Österreicher in Hunderten Kantinen, Kindergärten und Krankenhäusern, gekocht wird mit Sonnenenergie aus Fotovoltaikanlagen. Nachhaltigkeit als Wertehaltung kostet allerdings auch. Die Mehrkosten für den Umstieg auf Hühner aus österreichischer Zucht zahlt VIVATIS aus eigener Tasche. Auch das bewusste Ablehnen von Stopfgänsen zur Martinizeit spürt der Konzern, denn das kostet Millionen an entgangenen Aufträgen. „Natürlich haben wir da viel diskutiert“, sagt Vorstandschef Hackl. „Aber wir stehen hinter der Entscheidung. Bei so etwas haben wir nie mitgemacht und werden wir auch nie mitmachen!“ Den ständig wachsenden Marktanforderungen und dem Innovationsdruck begegnet VIVATIS durch enge Zusammenarbeit mit universitären Forschungseinrichtungen und Fachverbänden sowie mit Start-ups.

Hiesige Insekten für heimische Fische

Szenenwechsel: Weg vom Germknödel aus der Kantine, hin zum sechsbeinigen Dosenfutter. Ebenso aus Oberösterreich, aber mit ganz anderer Mission, pflügt das Start-up Ecofly durch die Innviertler Gründerszene. Begonnen als Pilotprojekt zur natürlichen Ernährung der Forellen in der elterlichen Fischzucht, hat sich Simon Weinberger, CEO der „Krabbelstube“ Ecofly, den Futtermittelmarkt per se vorgeknöpft. Gemeinsam mit Mitgründer und Jugendfreund Michael Forster produziert Weinberger Insektenlarven, die wiederum zu Fisch- und Haustierfutter verarbeitet werden können. Was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat, wollten wir vom CEO genauer wissen.

Mehr Larven, weniger Überfischung

Zur Videokonferenz erscheint Weinberger im Laufschritt. Er habe in der Produktionshalle auf die Zeit vergessen, meint der Oberösterreicher entschuldigend, während er sich auf dem Bürosessel noch schnell die Träger des Overalls von den Schultern streift. Das mit der Nachhaltigkeitsei schnell erklärt. Fische werden mit Fischmehl gefüttert. Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Überfischung wird befeuert, indem der Mensch auch jene Fische aus den Meeren fängt, die er gar nicht selbst isst, sondern den industriell gezüchteten Fischen füttert. So weit, so absurd. Denn viele (heimische) Fischarten ernähren sich in der Natur zu einem guten Teil von Insekten. Und diese sollen demnach auch wieder auf dem Speiseplan von Zuchtfischen stehen. Das verringert Überfischung, Transportwege und den ökologischen Fußabdruck der heimischen Fischzucht. Ginge es nach dem Marktvolumen, wäre bei Flossen allerdings noch lange nicht Schluss. Insekten sind reich an Proteinen, und das daraus gewonnene Proteinmehl stellt somit auch für andere Tiergattungen wie Hühner, Schweine oder Hunde eine gute Ausgangsbasis für Futter dar.

Vom Mikroei zum Proteinmehl

Die Verarbeitung von tierischem Protein zu Proteinmehl ist nichts Neues. Die Innovation von Ecofly ist: Dieses Protein kommt nicht aus Schlachtabfällen von Schwein und Rind, sondern aus gemästeten Fliegenlarven. Genauer gesagt aus der Larve der Schwarzen Soldatenfliege. Etwa zwei Zentimeter lang und 150 Milligramm schwer sind die Larven nach zwei Wochen – somit kurz vor der Verpuppung „schlachtreif“. Der nachhaltige Hattrick:

  • Erstens ernährt sich die Larve der Schwarzen Soldatenfliege von vegetarischen Überresten der Lebensmittelproduktion.
  • Zweitens kann sie zu 100 Prozent verarbeitet werden, während in der Rinder- und Schweinezucht bis zu 50 Prozent des Tieres als Schlachtabfall übrig bleiben.
  • Und drittens: Das Einzige, was die Larve zurücklässt, sind kompostier- und düngemitteltaugliche Fressreste und Ausscheidungen.

Das Hauptaugenmerk des Start-ups liegt seit rund vier Jahren auf perfekt optimierten Prozessschritten, die aus den Fliegeneiern dicke, proteinreiche Fliegenlarven werden lassen. Im Gegensatz zu anderen Nutztieren, die den Menschen seit Jahrtausenden begleiten, sind Insekten in großem Stil erst seit Kurzem Teil der industriellen Tierzucht. Dementsprechend steil ist die Lernkurve der jungen Oberösterreicher. „Diese Fliege kann einen schon manchmal zur Verzweiflung bringen“, gibt Weinberger zu. Dennoch: Das Start-up hat Großes vor. Kein geringeres Ziel als die europäische Marktführerschaft im Sektor des Insektenproteins streben die Innviertler an. Ihr wichtigster Partner? Die eingangs erwähnte VIVATIS.
 

Perfekte Symbiose, langfristiges Denken

Während Weinberger und Forster bei Ecofly für die Aufzucht und Mast der Fliegenlarven sorgen, stellt die VIVATIS Know-how und Anlagen zur Gewinnung von Proteinmehl zur Verfügung. Die PUREA Austria GmbH, Tochter der VIVATIS, ist Spezialist für Schlachtabfallverwertung. Ob Huf oder Blut – Ressourcenverschwendung kommt dort jedenfalls nicht in Frage. Dann schon eher hydrolisiertes Federnprotein oder Blutprotein in Pulverform. Denn all das lässt sich in der Nutztiermast als Futtermittel verwenden. Die Zusammenarbeit zwischen Ecofly und der VIVATIS stützt sich also auf ein stabiles Fundament aus beidseitigem Know-how und Innovationsmanagement. Während VIVATIS zwar ganz generelles Interesse an der Zusammenarbeit mit Start-ups und Innovatoren zeigt, zieht Vorstandschef Hackl dennoch klare Linien: „Ich rede mit keinem mehr, der in drei Jahren reich werden will. Die Burschen von Ecofly sind da ganz anders. Die denken langfristig.“

Weinberger
© Ecofly, Hermann Wakolbinger
Michael Forster (l.) und Simon Weinberger, die Gründer von Ecofly.

Pioniere aus dem Innviertel

Auf die Frage, wieso er jeden Tag aufs Neue im Trabschritt in die Produktionshallen der Larvenzuchtanstalt kommt, hat Weinberger klare Antworten: „Wir sehen uns als Pioniere. Die Futtermittelerzeugung bietet ein riesiges Potenzial für mehr Nachhaltigkeit. Es gibt schon einige Firmen, die das Gleiche machen wie wir. Aber niemand macht es auf einem so hohen technischen Niveau. Wir arbeiten mit sehr guten Partnern zusammen.“ Und diese Partnerschaft zahlt sich aus. Fünf Millionen Euro wollen VIVATIS und Ecofly in den nächsten Jahren investieren, um die Verarbeitung der Larven zu Proteinmehl noch effizienter abzuwickeln. Bringt es die Pilotanlage in Antiesenhofen momentan auf eine Tonne Larven pro Woche, soll die Produktion auf 4.000 Tonnen jährlich gesteigert werden.
 

Krabbler auch für Menschen?

Die weltweite Nachfrage nach tierischem Protein steigt stetig. Die logische Schlussfolgerung von Lebensmittelforschern: Insekten als Eiweißlieferant – auch für den Homo sapiens. Ein Bruchteil der Treibhausgasemissionen, weniger Platzverbrauch, anspruchsloses Fressverhalten. Insekten haben es mittlerweile auch ins Kuriositätenregal mancher Supermärkte und Restaurants geschafft. Genau dort müsste man sie allerdings erst herausholen und der großen Masse zugänglich machen, bevor man im Innviertel beginnt, Insektenlarven auch für den menschlichen Verzehr zu produzieren.

Und bis dahin werden noch einige Jahre ins Land ziehen, da sind sich VIVATIS-Chef Hackl und Ecofly-CEO Weinberger sicher. Denn: Noch lässt der „Igitt-Faktor“ den Großteil der westlichen Bevölkerung vor dem Verzehr der proteinreichen Krabbeltiere zurückschrecken.

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