„UNSEREM WACHSTUMSKURS STEHT NICHTS IM WEGE“

Die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich konnte im Vorjahr alle wesentlichen Kennzahlen verbessern. Vorsorgliche Wertberichtigungen könnten schon heuer wieder zurückfließen, erklärt Generaldirektor Heinrich Schaller.

Von ELISABETH HELL

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Die RLB OÖ hat im Vorjahr einen Jahresüberschuss vor Steuern von 181,8 Mio. Euro erzielt. Wie zufrieden sind Sie mit der Bilanz?

Heinrich Schaller: Wir sind – insbesondere aufgrund der Umstände – hochzufrieden mit dem Ergebnis. Die Herausforderung war, wie gehen wir operativ mit dieser Krise um. Wie können wir die Firmen richtig unterstützen, damit sie gut durch die Krise durchkommen? Das haben wir offensichtlich sehr gut bewältigt.

 

Was sind die Highlights im Ergebnis?

Schaller: Wir haben starke Steigerungen sowohl im Zinsergebnis als auch bei den Provisionserträgen, was ebenfalls darauf hindeutet, dass wir unsere Kunden sehr gut beraten haben. Wir haben versucht, die Kunden ein bisschen weg von den reinen Spareinlagen hin zu Wertpapierveranlagungen umzuleiten, die doch ein bisschen mehr Rendite bringen können. Das spiegelt sich im Provisionsergebnis wider. Und was ganz wichtig war, wir haben die Kunden über die Förderungen und Unterstützungen, die es von staatlicher Seite gibt, beraten und sind mit ihnen die Anträge durchgegangen. Die Art und Weise, wie wir das gemacht haben, haben sehr, sehr viele Kunden sehr geschätzt.

 

Die Finanzierungen sind um 5,5 Prozent gewachsen. Woher kommt die Nachfrage?

Schaller: Es ist wirklich erstaunlich, dass bei den Investitionsfinanzierungen mehr als die Hälfte nicht auf Überbrückungsfinanzierungen begründet waren, sondern dass das echte Investitionen waren, die die Unternehmen getätigt haben. Viele bereiten sich auf den Zeitpunkt vor, wo die Krise sich abschwächt oder überhaupt vorbei ist und wieder Schwung in die Konjunktur hineinkommt. Je besser man vorbereitet ist, desto besser kann man durchstarten.

 

Der Anteil der notleidenden Kredite war im Vorjahr mit 1,79 Prozent leicht rückläufig. Rechnen Sie heuer mit einem Anstieg?

Schaller: Wir rechnen damit, dass die NPL-Ratio um 0,5 bis 1,0 Prozentpunkte anwächst, wobei wir das im Moment noch nicht sehen. Die Insolvenzquote war im Jahr 2020 deutlich niedriger als in den Jahren davor und auch im ersten Quartal 2021 extrem niedrig, was auf die staatlichen Unterstützungen und die Stundungen zurückzuführen ist. Da wird es sicher zu Nachzieh­effekten kommen, aber wir sind deutlich zuversichtlicher als einige, die die Katastrophe noch auf uns zukommen sehen. Das sehen wir nicht.

 

Trotz höherer Finanzierungen ist es gelungen, die Kapitalquoten auszubauen. Die harte Kernkapitalquote liegt jetzt bei 15,53 Prozent. Wie lässt sich das erklären?

Schaller: Wir haben versucht, bei den risikogewichteten Aktiva zu optimieren, das heißt sehr bewusst finanziert. Es hat zum Teil auch damit zu tun, dass wir zusätzliche Beteiligungsunternehmen in den Konzernkreis hereinnehmen mussten. Und natürlich hat das gute Ergebnis dazu beigetragen. Wir freuen uns über diese starke Kernkapitalquote ganz besonders, weil wir damit zeigen, dass wir viel Kraft haben, um in den Hauptbereichen weiter wachsen zu können. Unserem Wachstumskurs steht nichts im Wege.

 

Wo wollen Sie wachsen?

Schaller: Wir wollen im Firmenkundengeschäft gewaltig wachsen, das ist uns auch unter Risikogesichtspunkten in den letzten Jahren hervorragend gelungen. Wir sind natürlich auch, was den Beteiligungsbereich betrifft, nach wie vor auf der Suche nach guten Unternehmen, die zusätzliches Eigenkapital brauchen. Wir schauen uns gerade viel an. Über unsere Private-Equity-Gruppe wollen wir heuer 250 Mio. Euro investieren. Rund ein Drittel davon wurde bereits investiert; zwei, drei Unternehmen stehen kurz vor dem Abschluss.

 

Ist im Beteiligungsgeschäft durch Corona mehr Bewegung drin?

Schaller: Wir sehen momentan große Bewegungen, das kann durch Corona bedingt sein. Aber Unternehmen, die durch die Krise so stark getroffen sind, dass sie sich in weiterer Folge schwer tun, sind nicht die Targets, die wir suchen.

 

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, Sie würden für eine Rettung von MAN bereitstehen. Hat sich daraufhin wer gemeldet?

Schaller: Wir haben bisher noch keine Konzepte gesehen oder präsentiert bekommen, bei denen wir sagen, da überlegen wir jetzt ernsthaft. Es müsste schon ein gutes Konsortium zusammenkommen, bei dem uns nicht der Lead überlassen würde. Wir kennen uns in vielen Bereichen aus, aber in diesem Bereich sind wir nicht der Know-how-Träger, um operativ etwas auf die Beine zu stellen.

 

Vor kurzem wurde die gesellschaftliche Verflechtung von der RLB-Tochter Reisewelt mit Blaguss bekanntgegeben. Ist das ein Corona-Effekt?

Schaller: Es gibt einige Branchen, wo wir beteiligt sind, die natürlich von der Krise sehr geschüttelt wurden, da gehört das Reisebüro dazu. In solchen Situationen hat man zwei Möglichkeiten, entweder man sperrt zu oder man überlegt sich Strategien, wie man durchstarten und neu beginnen kann. Das Zusperren ist nicht unbedingt unsere Sache, da überlegen wir uns lieber zukunftsweisende Konzepte. Eine Verbindung mit Blaguss hat sich angeboten, weil hier zwei Regionen zusammenkommen und man Synergien sehr gut nutzen kann. Das ist eine hervorragende Lösung.

 

Sind noch weitere Corona-Effekte im Beteiligungsportfolio zu erwarten?

Schaller: Unsere Vivatis ist in unterschiedlichsten Lebensmittelbereichen – Produktion, Handel, Vertrieb und Catering – tätig und über die Gourmet sind wir der größte Versorger von Fertigessen und frisch gekochtem Essen bei Wiener Schulen und Kindergärten. Da hat es durch Corona natürlich Auswirkungen gegeben, aber trotzdem ist es der Vivatis gelungen, ein wirklich gutes positives Ergebnis zu erzielen. Es gibt aber in einzelnen anderen Beteiligungsunternehmen Überlegungen, mit anderen Unternehmen zusammenzugehen. Da sind wir kurz vor dem Abschluss solcher Zusammenschlüsse, aber über die kann ich noch nicht namentlich reden. Aber auch da können wir über Synergien mit anderen noch stärker werden.

 

Wie groß war der Ergebnisbeitrag, den die Beteiligungen im Vorjahr geliefert haben?

Schaller: Nach IFRS lag das Ergebnis aus at equity bilanzierten Unternehmen bei 84,7 Mio. Euro, das ist ein Zuwachs von knapp 38 Mio. Euro gegenüber 2019. Allein die Voestalpine konnte trotz negativer Unternehmensergebnisse aufgrund eines deutlich gestiegenen Börsenkurses einen positiven Ergebnisbeitrag von rund 80 Mio. Euro liefern. Insgesamt tragen die Beteiligungen ungefähr 45 Prozent zum Jahresergebnis der RLB OÖ bei.

 

Die Kundenanzahl ist im Vorjahr stabil geblieben. Viele haben gedacht, dass Banken, wo noch persönliche Betreuung stattfindet, in Coronazeiten Neukunden gewinnen können. Orten Sie da keinen Zusammenhang?

Schaller: Da muss man sehr genau unterscheiden: In der Krisenzeit selbst wird die Kundengewinnung mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so stattfinden, aber die bestehenden Kunden geben Auskunft darüber, wie zufrieden sie mit ihrer Bank sind und das wird bekannt. Und da hat Raiffeisen – da rede ich jetzt für Raiffeisen Österreich – eine Studie der KPMG präsentiert bekommen, wo wir mit Abstand als der beste Finanzdienstleister eingestuft werden. Das spricht sich natürlich herum. Die Früchte daraus müssten wir in den nächsten Monaten und Jahren ernten.

 

Haben sich ehemalige ING-Kunden schon bei der RLB OÖ gemeldet?

Schaller: Ja, es hat Kundenanfragen gegeben, aber da muss man schon schauen, mit welcher Erwartung kommen eventuell neue Kunden zu uns. Wenn diese Kunden Qualität, Beratung und Betreuung wollen, die können sie gerne haben, aber die reinen überhöhten Zinszahler sind wir nicht.

 

Kommen wir zum Ausblick: Wann wird die RLB wieder an ihre Vor-Corona-Ergebnisse anschließen können?

Schaller: Wir sind, wenn man berücksichtigt, dass wir sehr viele Wertberichtigungen einstellen mussten – nach aufsichtsrechtlichen Regeln –, sogar leicht über dem Ergebnis von 2019. Also wir sind von den durchschnittlich guten Ergebnissen der letzten Jahre nicht weit entfernt.

 

Die Risikovorsorgen haben sich im Vorjahr auf 157,5 Mio. Euro deutlich erhöht.

Schaller: Zwei Drittel dieser Risikovorsorgen sind Portfoliowertberichtigungen, also reine Vorsorgewertberichtigungen für den Fall, dass etwas passieren sollte. Das heißt, wir sind jetzt schon für die Zukunft sehr gut gerüstet. Theoretisch könnten die in der nächsten Bilanz schon zurückfließen, wenn diese Fälle nicht eintreten. Und ich glaube, dass vieles davon nicht eintritt.

 

Sie rechnen also nicht mit einer Insolvenzwelle, wenn die staatlichen Hilfen auslaufen?

Schaller: Besonders getroffen sind Tourismus – hier vor allem im Städtetourismus –, Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel – in diesen Bereichen ist damit zu rechnen, dass wir mehr Insolvenzen sehen werden, insbesondere von der Anzahl her, aber nicht vom Volumen. Die großen Unternehmen sind wirklich gut durch die Krise gekommen und werden das auch weiterhin tun.

 

Würden Sie ein Rückschrauben der Corona-Hilfen bereits begrüßen?

Schaller: Bis jetzt wurden die Maßnahmen sehr breit gestreut, jetzt sollte man dazu übergehen, die Maßnahmen sehr gezielt zu setzen, damit sie jene Branchen und Unternehmen bekommen, die sie wirklich brauchen. Dass man in einer Krisensituation Investitionsprämienprogramme auflegt, ist normal und ist auch richtig, aber man muss aufpassen, dass es nicht zu Überhitzungen kommt.

 

Mit welcher Finanzierungsentwicklung rechnen Sie im heurigen Jahr?

Schaller: Da wir davon ausgehen, dass die Konjunktur doch relativ stark anspringen wird, gehen wir auch davon aus, dass das Finanzierungsvolumen wieder ansteigen wird. In welchem Umfang, das traue ich mir noch nicht zu sagen.

 

Wie stark wird die Wirtschaft anspringen?

Schaller: Die Wirtschaftsforscher prognostizieren 2,5 Prozent, aber ich glaube, es wird deutlich darüber sein. Der Konsum wird, sobald die Krise vorbei ist, wieder stark angekurbelt werden und auch die Investitionstätigkeit der Unternehmen wird anhalten. Ich weiß, dass die Industrieunternehmen, die sehr stark exportorientiert sind, schon jetzt von der konjunkturellen Entwicklung in China, im sonstigen Asien sowie Amerika sehr stark profitieren, das wirkt sich natürlich auch auf andere Betriebe mit aus. Wir sehen, dass die Wirtschaft stark angesprungen ist.

 

Ein Thema, das sich bei Ihren Beteiligungen immer auftut, ist Basel IV.

Schaller: Ich bin sehr froh, dass wir die Unterstützung der österreichischen Politik haben, die auf EU-Ebene deutlich zum Ausdruck bringt, dass eine Erhöhung der Unterlegung für Beteiligungen nicht gemacht werden sollte. Dieser Einsatz wird zu einem großen Teil auch von Erfolg gekrönt werden, denn man sieht ganz besonders in der Krise, dass stabile Kernaktionäre wichtig sind und der gesamten Volkswirtschaft helfen. Da gibt es jetzt auf europäischer Ebene auch mehr Verständnis.

 

Sind durch Corona gar regulatorische Lockerungen spürbar?

Schaller: Im Gegenteil. Es wird immer schlimmer und hypertropher, aber wir müssen uns damit abfinden. Auf der einen Seite verlangt die Aufsicht, die Banken müssten kostengünstiger werden, und auf der anderen Seite sind sie mit ihrer Detailverliebtheit die größten Kostentreiber. Das ist ein Widerspruch, den man auflösen muss.

 

Vor kurzem wurden neue Pläne für die Ausweitung der nicht-finanziellen Berichterstattung publik. Was bedeutet das für die Raiffeisenbankengruppe OÖ?

Schaller: Das Thema Nachhaltigkeit spielt bei der Beurteilung der Finanzierung eine wesentliche Rolle. Es könnte so weit gehen, dass eine eigene Nachhaltigkeitskennzahl eingeführt wird oder die Unterlegung mit Eigenkapital bei nachhaltigen Finanzierungen heruntergesetzt wird. Da wird eine ganze Latte an möglichen Maßnahmen auf uns zukommen. Vom Grundsatz her nicht schlecht, aber ob man Bonitätsbeurteilungen herunterschrauben sollte, nur weil eine Aktivität als nachhaltig eingestuft ist, da bin ich nicht überzeugt davon.

 

Haben Sie Ihre Bilanz schon auf Klimarisiken durchgerechnet?

Schaller: Noch nicht, aber wir haben jetzt schon in unseren Finanzierungsrichtlinien drinnen, dass bestimmte Dinge einfach nicht gemacht werden und das wird weiter ausgebaut. Schlussendlich sind wir aber auf die Vorgaben der Aufsicht angewiesen, die noch nicht veröffentlicht sind. Aber da fürchte ich mich jetzt nicht davor, denn selbst die Voest setzt gewaltige Maßnahmen und wir werden auf die Industrie insgesamt in unserem Leben nicht verzichten können.

 

Die Bankenaufseher haben im Vorjahr auch die dringliche Empfehlung abgeben, auf Dividendenzahlungen zu verzichten. Rechnen Sie damit, dass die RBI im Herbst doch nochmal zusätzlich ausschütten darf?

Schaller: Ja.

 

Die RLB selbst durfte ja auch den Raiffeisenbanken nichts ausschütten. Wie stark hat das die Raiffeisenbanken getroffen?

Schaller: Sie haben es natürlich gespürt, aber wie man am Ergebnis 2020 sieht, sind sie auch ohne diese Ausschüttung sehr gut durchgekommen. Die Raiffeisenbanken in Oberösterreich haben ein EGT von 170,7 Mio. Euro erwirtschaftet, ein Plus von 8,4 Prozent. Einen Teil der Ausschüttung werden aber auch wir 2021 nachholen.

 

Die Anzahl der Raiffeisenbanken ist im Vorjahr mit 75 stabil geblieben. Ist der Strukturwandel abgeschlossen?

Schaller: Der wirtschaftliche Druck ist nicht vorhanden, aber ich schließe nicht aus, dass es im heurigen Jahr noch die eine oder andere Fusion geben wird. Die Tendenz wird sicher weitergehen, das hängt unter anderem mit Nachfolgethemen von Geschäftsleitungen zusammen. Es wird immer schwieriger, bei kleinen Einheiten Geschäftsleiter zu finden. Und es wird immer schwieriger, die aufsichtsrechtlichen Anforderungen zu erfüllen.

 

Raiffeisen Österreich hat jetzt doch Pläne für eine eigene Einlagensicherung eingereicht. Wie ist der aktuelle Stand?

Schaller: Die Gespräche mit der Aufsicht sind mitten im Laufen. Aber wir sehen derzeit keine Stolpersteine und ich gehe davon aus, dass wir Mitte Mai den endgültigen Bescheid am Tisch haben. Dann könnte es bis Mitte des Jahres abgeschlossen sein.

Quelle: Raiffeisenzeitung, Text: Elisabeth Hell

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GESCHÄFTSBERICHTE DER RAIFFEISENLANDESBANK OÖ

Jahres-, Halbjahresberichte der Raiffeisenlandesbank OÖ

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JAHRESERGEBNIS 2020 DER RLB OÖ: ZUWÄCHSE BEI FINANZIERUNGEN, STEIGERUNG DES BETRIEBSERGEBNISSES UND DER BILANZSUMME, STÄRKUNG DER KERNKAPITALQUOTE

Heinrich Schaller: „Die Kunden der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich haben auch im Krisenjahr 2020 kräftig investiert“