Recycling: Zurück in den Kreislauf

Ressourcen, Klimawandel, Wettbewerb: Recycling gewinnt als kostensparendes Ökoheilmittel weiter an Gewicht für Gesellschaft und Geschäftswelt. Wiederverwertung kann aber auch die Anbieterkassen nachhaltig klingeln lassen.

Die Bevölkerungszahl wird im 21. Jahrhundert weiter steigen. Eine expandierende Mittelschicht bedeutet mehr Druck auf globale Muster von Produktion und Konsum. Der Rohstoffschwund wird durch die Klimakrise verstärkt. Daher müssen wir einen drastischen Wandel im Umgang mit Ressourcen schaffen.“ Die Argumentationskette von Birgit Haberl, Expertin der Unternehmensberatung PwC Österreich, fällt auf fruchtbaren Boden. Green Economy gilt nicht mehr als Mantra übersensibler Umweltschützer, sondern als dringliches Bremsmanöver vor der Umwelt-Sackgasse. Dort warten wenig erbauliche Folgen für Gesellschaft und Geschäftswelt.

Die emsige Suche nach probaten Ökoheilmitteln scheint nun Früchte zu tragen: Recycling wird mittlerweile häufig als Stoppschild gegen Rohstoffverschwendung gehandelt. Generell verspürt die Idee der Kreislaufwirtschaft starken Aufwind. Haberl: „Nachhaltigkeit ist für viele Konsumenten ein ausschlaggebendes Kriterium geworden. Durch diesen Trend lassen sich neue Märkte und Kundensegmente erschließen. Zudem führt geringere Rohstoffabhängigkeit zu einer spürbaren Reduktion von Kosten und Risiken.

Birgit Haberl, PwC Österreich
Birgit Haberl, Expertin bei PwC Österreich, sieht wachsenden Druck für nachhaltige Lösungen

Das neue Image der Wiederverwertung manifestiert sich noch auf andere Weise. Was früher als ökonomisches Nebengleis betrachtet wurde, ist endgültig zum tragfähigen Geschäftsmodell avanciert. Von einem fragilen Businesskonzept kann jedenfalls keine Rede mehr sein, signalisiert das Unternehmen Schirmbeck, zu dessen Arbeitsgebieten auch Glasrecycling zählt. 600.000 Tonnen Hohlglas und Flachglas im Jahr werden an fünf Standorten in Österreich und Deutschland erneut einsatzbereit gemacht. Das Team besteht aus mehr als 300 Mitarbeitern, über 100 spezielle Fahrzeuge sind für den Transport dieser Fracht zuständig.

 

Eigener Wirtschaftszweig

Neben den Rädern bewegen sich die Bilanzzahlen. Das Unternehmen lukriert 50 bis 55 Millionen Euro pro Jahr, der Umsatz steigt jährlich zwischen zehn und 20 Prozent. Die Entwicklung wird durch strukturelle Faktoren begünstigt. „Recycling hat sich zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelt“, betont Geschäftsführer Johann Schirmbeck. „Das Spektrum ist jetzt deutlich breiter. Es gibt mehr Aktivitäten, daher existiert eine größere Menge Material. Auch der Druck auf Kunden von Glashütten, künftig mehr solche wiederverwerteten Werkstoffe zu nutzen, steigt.

Solche intensivierte Nachfrage spüren Anbieter aus den verschiedensten Ecken dieser Branche. Ein Abflauen der Resonanz ist einstweilen keineswegs in Sicht. Schirmbeck: „Die Bedeutung wird weiterhin zunehmen, weil hier Ressourcen geschont werden und Energie gespart wird. Das wird in Zukunft mehr denn je erforderlich sein und passt auch zum Gedanken einer ökologisch orientierten Produktion.

Gerald Hanisch, Rubble Master
Gerald Hanisch, CEO von Rubble Master, eroberte mit Bauschutt-Recycling-Maschinen die Welt

Budgetschonung bildet eine weitere Motivation für das Ja-Wort zur Kreislaufstärkung, belegt Rubble Master. Das Linzer Unternehmen produziert Siebe und mobile Brecher, die Aufwand und Kosten bei den teuren Gebäudeabrissen oder Straßensanierungen spürbar reduzieren sollen. Bauschutt, Asphalt, Beton oder Ziegelreste verwandelt Rubble Master damit in ein kubisches Wertkorn, das etwa in Form von Füll- oder Baumaterial ein Rohstoff-Comeback erlebt. Durch kompakte Bauweise sowie Raupenfahrwerk sind derartige Maschinen problemlos und rasch vor Ort einsetzbar. Wenn es sein muss, sogar im Herzen der britischen Stadt Manchester.

Ein Abriss in der Innenstadt zählt bekanntlich nicht unbedingt zu den Spaziergängen. Trotz reichlich komplizierter Bedingungen schafften die Linzer auch dort eine Bauschutt-Recyclingquote von 95 Prozent. Davon gelangten wiederum 90 Prozent zur Wiederverwendung. „Der mit dem Abbruch beauftragte Unternehmer erzielte während unseres zweitägigen Einsatzes eine Kostenersparnis von knapp 16.000 Euro. Die Summe besteht aus Einsparungen beim Abtransport des Schutts und bei neuen Materiallieferungen“, resümiert Gerald Hanisch, CEO von Rubble Master.

FINANZIELLE ENTLASTUNG

Solche Effekte finden Anklang in globalen Chefetagen. Die Exportquote bei Rubble Master beträgt 95 Prozent, das Unternehmen ist mit über 100 Vertriebspartnern in 110 Ländern vertreten. Der Umsatz für 2021 soll 174 Millionen Euro erreichen – eine Steigerung um 21 Prozent im Vergleich zu 2020. Ein wesentlicher Treiber für die Branche dürfte künftig auch die finanzielle Entlastung für Anwender sein. Hanisch: „Durch den immer intensiveren Wettbewerb sind Einsparungen, die mit Recycling und der sofortigen Wiederverwendung des gewonnenen Materials erzielt werden, häufig ausschlaggebend für viele Unternehmen.“

Wer in diesem Zusammenhang Service mit Mehrwert offeriert, gerät schnell aufs Radar von Einkaufsmanagern. Der EREMA Group ist dieses Kunststück bereits gelungen: Der Hersteller von Kunststoff-Recyclingmaschinen mit Sitz in Ansfelden ist in 108 Ländern weltweit vertreten. Produziert werden damit mehr als 14,5 Millionen Tonnen Regranulat, einsetzbar zu möglichst hohen Anteilen und ohne Qualitätseinbußen für die Produktion neuer Güter. Was etwa bei PET-Flaschen seit knapp 20 Jahren klaglos funktioniert.

Hoher Innovationsgrad

Solche Kunststoffkreisläufe sind kein Zufall, sondern eine Mischung aus Expertise und Leistungsfähigkeit. „Speziell die Fertigung lebensmitteltauglicher Regranulate stellt höchste Anforderungen. Nicht nur in technologischer Hinsicht. Es betrifft alle vorgelagerten und nachgelagerten Prozesse“, erklärt EREMA-Group-Geschäftsführer Manfred Hackl. Welche Resultate dann durch Kooperation verschiedener Partner möglich sind, belegt ein Projekt, an dessen Umsetzung die Oberösterreicher beteiligt waren. 

Im Mittelpunkt stand die Duschgelflasche eines namhaften deutschen Kosmetikartikel-Herstellers. Was zunächst wenig spannend klingt, entpuppte sich als Innovation. Jenes Behältnis, das als Verpackung höchste Ansprüche erfüllen muss, besteht vollständig aus recyceltem HDPE (High-Density Polyethylen). 

Manfred Hackl Geschäftsführer EREMA Group
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Manfred Hackl, Geschäftsführer EREMA Group, spürt den Druck nach raschen Lösungen.

Sämtliche Zutaten entstammen der Sammlung „Gelber Sack“ im Nachbarland. Hackl: „Die EU-Recyclingziele und das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung für nachhaltigen Umgang mit Kunststoffabfall erzeugen Zugzwang, Lösungen schneller zu realisieren.“ Was der Branche leichter von der Hand geht als früher.

Maximilian Lang, Gerhard Lang Recycling
Maximilian Lang Kaufmännischer Leiter bei Gerhard Lang Recycling, setzt auf Digitalisierung.

Doch ein Professionalitätsausbau macht nicht nur den Job einfacher, sondern erlaubt auch bessere Reaktionen auf wirtschaftliche Dynamik.

Wenn wir heute unsere Schrotte mittels App befunden, Bestände via Business Intelligence managen und Auftraggebern Dokumente digital via Kundenportal liefern, dann hat das wenig mit jenem Bild zu tun, das einst Recycling prägte“, weiß Maximilian Lang, kaufmännischer Leiter der Gerhard Lang Recycling GmbH.

Der Fokus dieser deutschen Experten für Metallrecycling liegt auf Wiederverwertung von Produktionsschrotten, sogenannten Neuschrotten, plus Streckenhandel. Hier wird Material von Branchenkollegen erworben und vermarktet. Über 200 Millionen Euro Umsatz pro Jahr lukriert die Gruppe mit ihrer Tätigkeit, mehr als 700.000 Tonnen umfasst das Absatzvolumen. 

Solche Zahlen werden auch vom Bewusstseinswandel zahlreicher Entscheider forciert: Im Großteil der Betriebe setzt sich die Einsicht durch, dass Recycling über hohes, gewinnbringendes Potenzial verfügt. Luft nach oben ist dabei ausreichend vorhanden – durch ein Klima der Veränderung. Lang: „Heute entstehen frische Geschäftsmodelle, weil die Industrie immer neue Herausforderungen meistern muss. So wie das Recycling von Li-Ionen-Akkus oder Verbundwerkstoffen. Die zunehmende Bedeutung der Digitalisierung ist ebenfalls ein Thema. Hierfür sind andere Kompetenzen gefragt, was jene Branche für neue Marktteilnehmer interessant macht.

Drei Recyclingmythen aufgeklärt

„Bei Fensterkuverts muss man das Plastikfenster herauslösen!“

Stimmt nicht, sowohl Plastikfenster als auch Klammern werden von modernen Anlagen problemlos aussortiert.

„Weiß- und Buntglas muss nicht getrennt werden, weil ohnehin alles vermischt wird!“

Stimmt nicht. Lediglich eine grüne Flasche genügt, um 500 Kilo Weißglas einzufärben. Falsch eingeworfenes Weißglas macht Buntglas etwa für die Verwendung als Medikamentenflaschen mit Lichtschutz unbrauchbar.

„Elektroaltgeräte gehören in den Sperrmüll!“

Nein. Nur wenn man Elektroaltgeräte bei kommunalen Sammelstellen oder im Handel beim Neukauf abgibt, kann man die Rohstoffe daraus wieder nützen. Auch Kleingeräte gehören unbedingt zur Sammelstelle für Elektroaltgeräte.