Erfolg mit gutem Gewissen

Umweltpioniere als Trendsetter: Grüne Erde im beschaulichen Almtal reüssiert mit ökologisch und sozial fairen Produkten zum Wohnen, Schlafen und Leben – und zeigt, dass Wirtschaft auch ohne Umweltzerstörung sehr gut funktioniert.

Reinhard Kepplinger liebt die Suche nach alternativen Wegen. Diese führen zwar nicht zum schnellen Geld, sind dafür aber verträglicher für Umwelt und Gesellschaft. Deshalb nahm er nach seinem BWL-Studium 1985 keines der lukrativen, karriereversprechenden Jobangebote von Konzernen, sondern die Offerte von Karl Kammerhofer an. Den Gründer von Grüne Erde in Scharnstein kannte er aus der damals noch jungen Ökologiebewegung, die Idee, ein Handelsunternehmen für ökologische und faire Produkte aufzubauen, gefiel ihm.

So gut, dass er gemeinsam mit Studienfreund Kuno Haas den damals noch überschaubaren Versandhandel übernahm, als sich Kammerhofer aus dem Geschäftsleben zurückzog. Heute, rund 30 Jahre später, ist Grüne Erde ein stabil wachsendes und vielfach ausgezeichnetes Unternehmen – und mit kompromisslosem Fokus auf ökologische Qualität und sozialem Mehrwert ein Trendsetter.

Reinhard Kepplinger, GF Grüne Erde
© Grüne Erde
Reinhard Kepplinger, GF Grüne Erde

business: Seit der Übernahme haben Sie den Umsatz von Grüne Erde verzehnfacht. Wussten Sie damals schon, an welchen Stellschrauben man drehen muss?

Reinhard Kepplinger: An „Stellschrauben“ haben wir nicht gedreht, wir hatten und haben tolle Mitarbeiter und die unerschütterliche Überzeugung, dass es möglich ist, erfolgreich zu wirtschaften, ohne die Natur zu zerstören. Heute entwickeln, produzieren und vertreiben wir mehr als 6.000 ökologisch und sozial faire Produkte zum gesunden und natürlichen Wohnen, Schlafen und Leben. Ab 1996 haben wir begonnen, Stores in Großstädten zu eröffnen, bereits im Jahr 2000 ging unser erster Webshop unter www.grueneerde.com online. Heute läuft unser Vertrieb über unsere 14 Grüne-Erde-Stores in Österreich und in Deutschland, unseren Onlinestore und nach wie vor über Grüne-Erde-Kataloge. Heute sagt man „Multi-Channel-Vertrieb“ dazu, wir haben das schon so gemacht, bevor dieses Wort erfunden wurde.
 

business: Grüne Erde nimmt das Thema ökologische Verantwortung sehr ernst. Gab es Momente, in denen Sie unter Ihren eigenen strengen Vorgaben litten und langsamer als der Mitbewerb wuchsen?

Kepplinger: Wir schielen nicht auf den Wettbewerb. Die Verbindung von ökologischem, sozialem und ökonomischem Denken ist die Basis von Grüne Erde. Wenn alle Möbelhersteller so konsequent ökologisch produzieren wie wir, dann gibt es viel weniger Sondermüll auf dieser Welt. Aber unsere Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen sehr wohl erkennen, wer es ehrlich meint und authentisch ist.

business: Ökologie zieht ein sehr kritisches Publikum an. Grüne Erde hat sich 2015 sogar wegen Datenschutzbedenken aus sozialen Medien zurückgezogen. Schaut man Ihnen besonders genau auf die Finger?

Kepplinger: Ja, sicher, und das ist auch gut so! Auch wir sind nicht unfehlbar, daher lassen wir unsere Produkte mit den jeweils strengsten Ökolabels extern zertifizieren und haben bereits die zweite Grüne-Erde-Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Wir legen alles offen, jeder Kunde kann in der Grüne Erde-Welt im Almtal einen genauen Blick in unsere Produktion und auf unsere Rohstoffe werfen. Dass wir mit den Daten unserer Kunden äußerst sorgsam umgehen, liegt in unserer „grünen DNA“. Orwells „1984“ hatte uns schon lange vor der Gründung von Grüne Erde vorgewarnt. Was wir heute bei Facebook, Google und Co erleben, bestätigt uns in unserer Vorsicht.

business: Ist es schwer, Mitglieder fürs Grüne-Erde-Team zu finden?

Kepplinger: Nein, viele Menschen sind auf der Suche nach einer sinnvollen Arbeit. Auf eine gesunde, selbstverantwortliche Work-Life-Balance achten wir bei Grüne Erde schon immer. Wir gelten als sehr familienfreundliches Unternehmen, haben über 50 verschiedene Arbeitszeitmodelle, zahlen die Kinderbetreuung in den Nachmittagsstunden und bieten umfangreiche Sozialleistungen.
 

business: Sie haben mit Ihren Produkten zahlreiche, höchst renommierte Designpreise gewonnen. Wie wichtig ist Design für den Erfolg?

Kepplinger: Uns war von Anfang an bewusst, dass Produkte nur dann ökologisch sind, wenn sie sowohl funktionell als auch ästhetisch von hoher Qualität sind und über lange Jahre genutzt werden. Daher war uns das Design unserer Produkte von jeher äußerst wichtig. Heute arbeiten wir mit vielen renommierten Designern zusammen.
 

business: Glauben Sie, dass Ihre Philosophie auch in weniger lifestyleaffinen Produktwelten, wie z. B. Industrieprodukten, funktionieren kann?

Kepplinger: Ob ein Unternehmen ökologisch und sozial verantwortlich arbeitet, liegt in der Entscheidung der Eigentümer und des Managements, nicht an der Branche. Viele scheuen sich jedoch, diesbezüglich Verantwortung zu übernehmen, Unternehmen werden zumeist immer noch als reine Cashcows angesehen und nicht als sozial und ökologisch verantwortliche Organisationen. Doch es gibt erste Anzeichen eines Umdenkens. Der Druck der Konsumenten, der Anleger und der politisch Verantwortlichen wird massiv steigen. Daher werden jene, die bereits jetzt eine Vorreiterrolle einnehmen, in Zukunft erfolgreicher sein!
 

business: Nachhaltigkeit schreibt sich heute fast jedes Unternehmen auf die Fahne. Was braucht es, um diesen Gedanken konsequent umzusetzen?

Kepplinger: Ein Unternehmen wird nur dann ökologisch und sozial nachhaltig agieren, wenn dieses Ziel für alle Beteiligten wichtiger ist als die reine Umsatz- und/oder Gewinnmaximierung. Das heißt nicht, dass Gewinne nicht notwendig sind. Auch wir freuen uns, wenn wir unsere Bilanzziele erreichen oder übertreffen. Aber im Zweifelsfall hat die Verbundenheit von Mensch und Natur Vorrang. Die Philosophie von Grüne Erde ist, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ohne Menschen und Natur auszubeuten.
 

business: Die EU hat den „Green Deal“ beschlossen. Ist Ökologie tatsächlich eine Wirtschaftschance?

Kepplinger: Es geht schon längst nicht mehr um die Frage, ob Ökologie eine „Konjunkturchance“ ist. Ökologie ist die einzige Chance, die wir haben, um ein weltwirtschaftliches Desaster und eine dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen vieler Menschen zu verhindern.

Grüne Erde in Zahlen

Umsatz Geschäftsjahr 2019/20: 66 Millionen Euro

Mitarbeiter: ca. 500, davon 80 Prozent Frauen

2018 eröffnete die Grüne Erde-Welt auf 9.000 Quadratmetern im Almtal als Besucher- und Werkstättenzentrum mit Store und Bistro.

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