EZB-Zinssitzung
Der aktuelle Kommentar zur Zinssitzung der Europäischen Zentralbank.
Notenbanken aktuell: EZB will wachsam bleiben, Fed signalisiert mehrere Zinssenkungen in 2024
Es waren die erwarteten Entscheidungen: In den letzten Notenbanksitzungen des Jahres 2023 hielten die großen Notenbanken die Füße still, nachdem es in den Monaten zuvor zum Teil rekordhohe Leitzinsanhebungen gegeben hatte.
Die Europäische Zentralbank (EZB) beschloss heute Nachmittag die zweite Zinspause in Folge. Der Hauptrefinanzierungssatz bleibt bei 4,50%, der Einlagesatz bei 4,00% und der Zinssatz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität beläuft sich weiter auf 4,75%.
Überdies – und nicht unerwartet – wurde heute beschlossen, die Normalisierung der Bilanz des Eurosystems voranzutreiben. Das PEPP-Portfolio (umfasst die im Rahmen des Pandemie-Notfallankaufprogramms erworbenen Wertpapiere) soll in der zweiten Hälfte des Jahres 2024 um monatlich 7,5 Mrd. EUR reduziert werden. Zum Jahresende 2024 wird die Reinvestition der PEPP-Tilgungsbeträge gänzlich eingestellt. Dadurch wird die Geldpolitik weiter gestrafft.
Die neu vorgelegten Projektionen zeigen eine Abwärtsrevision sowohl bei Inflations- als auch BIP-Daten. Die EZB erwartet keine Rezession in der Eurozone, weder heuer noch im nächsten Jahr. Das Inflationsziel wird trotz der beträchtlich niedrigeren Zahl in 2024 weiterhin erst im Verlauf des Jahres 2025 erreicht, was die EZB seit Längerem als Kriterium für eine ausreichend restriktive Geldpolitik definiert hatte. Erstmals wurden auch Prognosen für 2026 vorgelegt: Der HVPI-Gesamt soll dann knapp unter, die Kernrate knapp über 2 % liegen, das Inflationsziel wird damit eingehalten (siehe untenstehende Tabelle).
Im Rahmen der Pressekonferenz wurde EZB-Präsidentin Christine Lagarde natürlich gleich zu Beginn der Q&A-Session auf die hohen, wenn nicht vielleicht sogar überschießenden Zinssenkungserwartungen des Marktes angesprochen: Aktuell – Stand 14.12.2023, 15:07 Uhr - wird die erste Zinssenkung um 25 BP spätestens im April 2024 erwartet. Bis zum Jahresende soll das Leitzinsniveau um beachtliche 151 BP niedriger sein. In Beantwortung der Frage gestand Lagarde ein, dass der Inflationspfad sich nun flacher darstelle und dass die Risiken, wonach die Inflationserwartungen aus der Spur laufen, gesunken seien. Sie verwies darauf, dass Datenschluss für die Erstellung der neuen Projektionen schon am 23. November gewesen war – seither gab es weitere Veröffentlichungen, die auf abnehmenden Preisdruck hindeuten. Allerdings müsse man dennoch weiter vorsichtig sein, denn die Lohndaten zeigten anhaltenden Aufwärtsdruck. Überdies brauche man mehr Information über die Gewinnentwicklung der Unternehmen. Deswegen bleibe die EZB in ihren Entscheidungen datenabhängig. Im EZB-Rat wurde heute über keine Zinssenkungen diskutiert, Lagarde verwies auf die Absicht, zinsseitig vorerst auf dem aktuellen Plateau zu bleiben (sie sagte tatsächlich Plateau und nicht Zinsgipfel, was impliziert, dass es eine längere Phase sein soll). Man werde auch künftig datenabhängig entscheiden, in jedem Fall wolle man sehr wachsam sein, das betonte Lagarde mehrfach.
Weitere Notenbankentscheidungen von gestern und heute:
Auch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ließ gestern Abend wie erwartet die Zinsen unverändert bei 5,25-5,50 %. Es ist dies bereits die dritte Zinspause in Folge. Die Fed hat de facto das Ende des Zinszyklus erklärt. Die aggressivste Kampagne seit vierzig Jahren zur Straffung der Geldpolitik ist somit abgeschlossen. Die jüngsten Indikatoren deuteten auf eine sich abschwächende Konjunktur mit weiterhin robustem Arbeitsmarkt. Im Kampf gegen die Inflation seien Fortschritte erzielt worden, wenngleich das absolute Niveau weiterhin hoch bleibe. Die Wachstumsprognose für das laufende Jahr wurde gegenüber dem September-Ausblick um 0,5 Prozentpunkte auf 2,6 % angehoben und die für 2024 leicht auf 1,4 % zurückgenommen. Die Inflationsaussichten für 2023 und 2024 wurden auf 2,8 % und 2,4 % gesenkt. Die aktualisierten Leitzinsprojektionen der Währungshüter weisen im Median bis Ende 2024 insgesamt drei Zinssenkungen von je 25 BP aus, und somit 25 BP mehr als bisher. Daraufhin korrigierten die Marktteilnehmer:innen ihre ambitionierten Zinserwartungen nach unten. Eine erste Zinssenkung der Fed wird bereits für März 2024 eingepreist, bis Ende 2024 insgesamt mehr als fünf.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ließ ihren Leitsatz zum zweiten Mal in Folge unverändert bei 1,75 %. Im Gegensatz zu früher ließ die Notenbank den Hinweis weg, dass eine weitere geldpolitische Straffung nötig werden könnte.
Auch die Zinspause der Bank of England (BoE) dauert an. Zum dritten Mal haben sich die Notenbanker:innen in London dafür entscheiden, den Basiszins bei 5,25 % zu belassen. Die Entscheidung fiel nicht einstimmig, denn drei Mitglieder plädierten für weitere Zinserhöhungen, wie auch schon im November. Zwar ist die Inflation seit der letzten MPC-Sitzung deutlich gesunken, sie liegt aber weiterhin auf einem hohen Niveau. Laut BoE wäre weiterhin zusätzliche Straffung vonnöten, falls die Inflation hartnäckig bleibe. Insgesamt bleibt die Guidance unverändert. Zudem sind die Lohnsteigerungen ansehnlich und so gibt die BoE keine Signale für baldige Zinssenkungen.
Die Norgesbank, Norwegens Notenbank, hingegen erhöhte den Leitzins überraschend um 25 BP auf 4,50 % und signalisierte, dass der Leitzins längere Zeit auf dem jetzt erreichten Niveau bleiben dürfte. Insbesondere die Kerninflation, bei der Energiepreise ausgeklammert werden, bereitet den Währungshütern in Oslo Kopfzerbrechen. Trotz eines Rückgangs auf zuletzt 5,8 % gg. Vj. im November ist die von der Zentralbank angestrebte Rate von 2,0 % noch recht weit entfernt.
Stand:14. Dezember 2023