EZB-Zinssitzung

Der aktuelle Kommentar zur Zinssitzung der Europäischen Zentralbank.

EZB aktuell: Pandemie-Kaufprogramm (PEPP) wird aufgestockt und verlängert

Die EZB hat im Rahmen ihrer heutigen Zinssitzung ihre Geldpolitik neuerlich ein Stück gelockert. Zwar blieben die Leitzinsen unverändert (Hauptrefinanzierungssatz bei 0,0 %, Einlagenzins bei -0,5 %), aber wie allgemein erwartet wurde der Umfang des PEPPNotfallkaufprogramms um 600 Mrd. EUR auf 1,35 Bio. EUR aufgestockt. Die Laufzeit wurde bis mindestens Juni 2021 verlängert und es wurde beschlossen, dass Tilgungen von Papieren, die im Rahmen des PEPP gekauft wurden, bis mindestens Ende 2022 reinvestiert werden. Die heutigen Entscheidungen fielen einstimmig.

Im Rahmen des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), das Mitte März beschlossen wurde, hat die EZB für den Ankauf von Anleihen öffentlicher und privater Schuldner schon 235 Mrd. EUR investiert (Stand 29.5.2020). Bis dato erfolgten rund 80 % der PEPP-Ankäufe im Bereich der Staatsanleihen bzw. der Supra-Bonds, weitere 15 % beträgt der Anteil der Commercial Papers, der Rest verteilt sich auf Corporate und Covered Bonds. Italienische Staatspapiere wurden in den letzten zwei Monaten überproportional stark angekauft.

Eine Aufstockung des PEPP-Ankaufvolumens im Rahmen der heutigen EZB-Sitzung wurde aus mehreren Gründen erwartet: Einerseits, weil die ursprünglich vorgesehenen 750 Mrd. EUR bei der Beibehaltung des bisherigen Ankauftempos schon im September verbraucht wären. Andererseits aber auch, weil sich zuletzt gezeigt hat, dass der Konjunktureinbruch heftiger ausfallen wird als bis dato erwartet und die Rezession auch eine Deflationsgefahr mit sich bringt. Deswegen musste die EZB heute auch ihre Wachstums- und Inflationsprojektionen deutlich nach unten revidieren (vgl. untenstehende Tabelle) – und damit kann sie die Notwendigkeit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik gut rechtfertigen. Die Risiken hinsichtlich dieser Prognosen liegen auf der Unterseite. Als Ausdruck der hohen Unsicherheit hat die EZB erstmals auch zwei alternative Szenarien veröffentlicht (https://www.ecb.europa.eu/pub/projections/html/ecb.projections202006_eurosystemstaff~7628a8cf43.en.html#toc1).

Im Rahmen der Pressekonferenz betonte EZB-Präsidentin Lagarde einmal mehr die Bedeutung von fiskalischer Unterstützung und begrüßte in diesem Zusammenhang explizit den Vorschlag der EU-Kommission im Hinblick auf den Wiederaufbauplan (Konjunkturpaket namens „Next Generation EU“ in Höhe von 750 Mrd. EUR; 250 Mrd. davon sollen als Kredite fließen, der Löwenanteil mit 500 Mrd. EUR als nicht rückzahlbare Zuwendungen).

Fazit:

Die Erwartung einer raschen V-förmigen Konjunkturerholung ist spätestens mit den heute vorgelegten Prognosen verflogen: Noch nie zuvor musste die BIP-Prognose eines Jahres innerhalb von nur drei Monaten um 9,5 Prozentpunkte nach unten revidiert werden. Der BIPEinbruch um 8,7% in 2020 bedeutet eine schwere Rezession für die Eurozone, deren Folgen die Währungsunion noch lange beschäftigen werden. Gemäß ihrem Mandat hatte die EZB auch keine andere Wahl, als mit neuen Maßnahmen auf den dramatisch eingetrübten Wachstums- und Inflationsausblick zu reagieren.

Es darf natürlich bezweifelt werden, ob noch mehr Anleihekäufe und die damit einhergehende zusätzliche Liquidität eine so durchschlagend positive Wirkung auf die Konjunktur haben werden. Aber die EZB sendet einmal mehr ein starkes Signal, dass sie im Rahmen ihres Mandats alles tut, um Abwärtsrisiken für Konjunktur, Arbeitsmarkt und Preisstabilität einzugrenzen und eine Finanzkrise zu verhindern, die die Rezession noch vertiefen und verlängern könnte. Positiv ist überdies, dass geld- und fiskalpolitische Maßnahmen in dieser Krise nun gut ineinandergreifen (vgl. zB den Wiederaufbauplan der EU-Kommission sowie das gestern Abend für Deutschland angekündigte Konjunkturund Investitionspaket sowie ähnliche Maßnahmen in anderen EZ-Ländern).

Stand 04.06.2020

EZB-Zinsentscheidung

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