12.12.2017 - Hilfe in Zivil

© Akademie der Zivilgesellschaft

In Österreich gibt es 3,3 Millionen Freiwillige in verschiedensten Bereichen. Ihr Engagement gilt als Kitt der Gesellschaft. Eine neue Studie zeigt, warum die Menschen helfen müssen.

Die Flüchtlingswelle im Sommer 2015 hat auch eine Welle der Hilfsbereitschaft in Österreich ausgelöst. Solidarisch verbrachten viele viel Zeit an den Hauptbahnhöfen und haben tatkräftig bei der Grundversorgung der Flüchtlinge mitgeholfen. Aus dieser Situation heraus ist das Forschungsinstitut Zivilgesellschaft - kurz FiZ - entstanden, das die Perspektive und Zusammensetzung der Helfenden erforscht. Pünktlich zum Internationalen Tag des Ehrenamts hat das FiZ eine Studie mit dem Titel "Zivilgesellschaft – Wer ist das?" präsentiert.

In Österreich sollen sich zwischen 500.000 und 600.000 Menschen im Bereich Flüchtlinge und Integration ehrenamtlich engagieren – oft abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Bisher war wenig bekannt, wer diese Helfer in Zivil sind, wie sie leben, was sie antreibt und wie sie sich organisieren. Das FiZ hat diese Wissenslücke nun mit ihrer großflächigen Befragung geschlossen. Rund 1.500 vollständig ausgefüllte Fragebögen konnten zwischen Juni 2016 und Mai 2017 gesammelt werden, die einen genaueren Blick auf unterstützende Menschen werfen lassen.

"Weiblich, soziale Aufsteigerin und geprägt von Erfahrungen mit Krieg oder Flucht", fasst die Studienleiterin Andrea Schaffar von der Universität Wien kurz zusammen. Fast drei Viertel aller Teilnehmer sind weiblich, wobei sich der Anteil erst im Laufe des Untersuchungszeitraums mehr in Richtung Frauen verschoben hat. "Die Frauen haben eindeutig den längeren Atem", so die Schlussfolgerung der Studienautorin. Auffallend ist der hohe Frauenanteil vor allem bei den Jüngsten (bis einschließlich 25 Jahre), während bei den Ältesten (ab 66) der Anteil der Männer überwiegt. Die überwiegende Mehrheit der Helfer lebt in einer Beziehung und ist in Österreich geboren, allerdings hat knapp ein Drittel einen  Migrationshintergrund. Die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass jene, die selbst oder im nahen Umfeld Erfahrungen mit Krieg oder Flucht gemacht haben, eine deutlich höhere Sensibilität bezüglich der Flüchtlingsbewegung aufweisen.

Weitere Erkenntnisse: Die Akademikerquote ist mit einem Anteil von knapp 60 Prozent sehr hoch. Mehr als 40 Prozent der sozial Engagierten sind berufstätig, davon mehr als die Hälfte vollzeit beschäftigt, gefolgt von Studierenden, Pensionisten, Arbeitslosen, Schülern und Lehrlingen.
 

Sofort gehandelt

Wer sich einmal sozial engagiert, der tut es immer wieder. Viele, die sich im und nach dem Sommer 2015 engagiert haben, waren bereits schon zivilgesellschaftlich aktiv und betonen ihre soziale und gesellschaftliche Verantwortlichkeit. "Als Auslöser für das aktive Engagement wird vor allem das dringende Bedürfnis 'etwas tun zu müssen' angegeben", berichtet Schaffar. Die meisten wurden "sofort, als sie die Lage der Flüchtlinge mitbekommen haben" aktiv. Wichtig war dabei auch das soziale Umfeld: Rund 40 Prozent geben an, durch Diskussionen mit Freunden und Bekannten oder deren Engagement dazu ermutigt worden zu sein, mitzuhelfen. Vor allem für unter 35-Jährige war diese Interaktion ein wichtiger Auslöser für ihr Engagement, für jeden Dritten waren auch Postings auf Social-Media-Kanälen ein Ansporn mitzuhelfen.

Knapp zwei Drittel der Befragten sind in der Flüchtlingskrise in zwei oder sogar mehr Tätigkeitsbereichen aktiv gewesen. Heute, zwei Jahre später, engagiert sich noch rund die Hälfte in einem, 34,1 Prozent weiterhin in zwei Bereichen.
 

Selbstorganisation

Interessant sei 2015 auch die "komplett andere Organisation" der Hilfe rund um den Wiener Hauptbahnhof gewesen. Im Zusammenhang mit dem Engagement der Zivilgesellschaft waren Soziale Netzwerke wie Facebook besonders wichtig – einerseits für die Koordination der Hilfe, andererseits für das Sammeln von Informationen. "Selbstorganisation wurde durch Soziale Medien leichter und sie werden auch stärker genutzt", erkennt Schaffar. In diesen Daten spiegle sich auch die Skepsis gegenüber großen Organisationen und (staatlichen) Institutionen wider. Rund 80 Prozent der Helfer verwendeten Soziale Medien – und das quer durch alle Altersgruppen. Trotzdem hält die Studienautorin die Vernetzung durch Soziale Medien für "noch ausbaufähig".

Das Fazit der Erhebung ist eine bunte Palette an Definitionen der Zivilgesellschaft. "Menschen wie du und ich" oder "Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben und sich nicht durch die Passivität der Politik bzw. des Staates abschrecken lassen" werden aber immer mit den Werten Respekt, Demokratie, Humanität und Solidarität verbunden. Im Fokus der Personen steht, sich dort einzusetzen, wo Staat, Strukturen und Behörden versagen. "Das formulierte Ziel für zivilgesellschaftliche Aktivität ist Verantwortung zu übernehmen, Menschen zu helfen und für die Allgemeinheit und das Gemeinwohl zu sorgen", zitiert Schaffar.

An Ideen für neue Initiativen zur Verbesserung des Gemeinwohls mangelt es nach Angaben von Brigitte Pabst, Direktorin der Akademie der Zivilgesellschaft der VHS Wien, nicht, allerdings brauchen selbstorganisierte Tätigkeiten oft eine Starthilfe. Die Wissensvermittlung über Selbstorganisation und der Ausbau der notwendigen medialen Kompetenzen stehen auch im Fokus der 2016 gegründeten Akademie der Zivilgesellschaft: "Bei uns erhalten Interessierte das nötige Know-how, um ihr eigenes ehrenamtliches Projekt zu starten und zu verfeinern." Fast fünfzig ehrenamtliche Projekte wurden seit Start der Akademie bereits initiiert. Im Februar 2018 beginnt der achte Lehrgang.

Quelle: Raiffeisenzeitung; Text: Elisabeth Hell
Bild: Andrea Schaffar, UNI Wien
© Foto: Akademie der Zivilgesellschaft