Raiffeisen ELBA-internet

Hier anmelden
Nur ein Login für alle Online-Services:
  • Online Banking
  • Wertpapier-Services
  • Persönliche Mailbox
  • Online Sparen
  • und vieles mehr

Die Wohntrends der Zukunft zurück

Univ.-Prof. Heinz Fassmann, Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung, im Gespräch

 Univ. -Prof. Dr. Heinz Fassmann Was bedeutet die demographische Entwicklung für unsere Städte und Gemeinden? Wie wird sich das Wohnen verändern, wird es neue Wohnformen geben? Informieren Sie sich im folgenden Interview.

Herr Prof. Fassmann, Sie sind unter anderem Autor des Österreichischen Raumentwicklungskonzeptes, Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung und befassen sich als Wissenschafter seit Jahren intensiv mit dem Thema. Was sind aus Ihrer Sicht die bestimmenden Wohn- und Siedlungstrends der nächsten Jahre? 

Heinz Fassmann: Zu den grundsätzlichen Trends im Zusammenhang mit Siedlungsentwicklung und Wohnen zählt zunächst das Wachstum der Wohnbevölkerung. In 20 Jahren wird Österreich 9 Mio. Einwohner zählen, in 40 Jahren 9,5 Mio. und bei einer höherer Geburtenzahl, einem Mehr an Zuwanderung und einer nochmals steigenden Lebenserwartung erreicht Österreich Mitte der 2030er Jahre vielleicht sogar die 10-Mio.-Grenze. Eine wachsende Wohnbevölkerung führt zu einem Mehr an Haushalten und diese benötigen, unabhängig wie dieses Wachstum bewältigt wird, Wohnungen und Siedlungsflächen. 

Neben dem Wachstum der Wohnbevölkerung und der Haushalte sind auch wachsende Ansprüche an das Wohnen selbst zu registrieren, exemplarisch belegt durch die Zunahme der Wohnfläche pro Kopf der Bevölkerung. In den vergangenen 40 Jahren hat sich der entsprechende Wert von 22m² (1971) auf über 42m² (2006) fast verdoppelt. Der Wohnungsneubau erfährt nicht nur durch eine wachsende Wohnbevölkerung einen zusätzlichen Impuls, sondern auch durch die gestiegenen Ansprüche. Menschen wollen ein Mehr an Fläche für das Wohnen für sich beanspruchen und sie sind dafür auch bereit, mehr zu bezahlen. In Zeiten vermehrter Inflationsangst und auch als Folge der angesparten Vermögenswerte einer langen Wohlstandsperiode, über die man selbst verfügt oder die im Erbwege weitergegeben werden, ist man auch bereit mehr in Immobilien zu investieren. 

Schließlich sind geographische Trends zu erwähnen. Das zukünftige Wachstum der Siedlungen wird sich besonders auf die Stadtregionen konzentrieren, denn dort finden sich neue Unternehmen, qualifizierte Arbeitsplätze und wirtschaftliche Prosperität. Die großen Städte und besonders die Stadtregionen sind die Profiteure der Internationalisierung und des wirtschaftlichen Strukturwandels von der Grundstoff- und Schwerindustrie zu den produktionsorientierten Dienstleistungen (Banken, Versicherungen, Beratungen). Die peripheren Regionen werden eher die Verlierer sein. 

Die demografische Entwicklung, Stichwort "Überalterung", stellt für die Gesellschaft ganz allgemein eine große Herausforderung dar. Was bedeutet dies für die künftige Entwicklung der Städte, aber auch der ländlichen Gemeinden? 

Heinz Fassmann: Darf ich den Begriff "Überalterung" kritisieren, denn dieser ist sehr stark wertend. "Überalterung" impliziert ein Zuviel und dabei muss man vorsichtig sein, Menschen zu sagen, ihr seid überflüssig, weil zu viel oder zu alt. Wie auch immer: Die demographische Alterung stellt unzweifelhaft eine Herausforderung dar, denn alle sozialen Sicherungssysteme, die auf einer Umverteilung von finanziellen Ressourcen von einer Altersgruppe zur anderen basieren, stehen auf dem Prüfstand. Die Pensionsversicherung, aber auch das Gesundheitssystem sind dabei die prominentesten Beispiele. 

Alterung wird besonders die stadtfernen, ländlichen Regionen betreffen, denn dort sorgt die Abwanderung der jüngeren Menschen dafür, dass die Alten überproportional oft alleine zurückbleiben. Während die Städte vom Altersdurchschnitt her betrachtet jünger werden, altern die stadtfernen, ländlichen Regionen besonders. Dort stellt auch die Organisation von Pflege und Betreuung der älteren Mitbürger ein besonderes Problem dar. In den ländlichen Regionen ist aufgrund der geringen Dichte und der großen Distanzen die mobile Betreuung (Essen auf Rädern, mobile Pflege) sehr viel teurer als in den Städten. 

Das Wort Landflucht ist zwar aus der Mode gekommen. Dennoch ist es zweifelsfrei so, dass von der Bevölkerungszunahme vor allem die Städte und die so genannten Speckgürtel profitieren bzw. betroffen sind und die ländlichen Gebiete zusehends Probleme haben, den Stand der Wohnbevölkerung zu halten. Wird dieser Trend anhalten bzw. wie könnte die Politik hier gegensteuern? 

Heinz Fassmann: Ja, ich gehe von einer Fortsetzung dieser Trends aus. Auf die Städte als Gewinner des Strukturwandels und der Internationalisierung habe ich schon hingewiesen. Dabei gewinnen aber nicht nur die Kernstädte, sondern eben auch die Stadtumländer. Während junge Menschen zum Studium oder zum Beginn ihrer Berufslaufbahn aus dem Ausland oder aus dem restlichen Österreich sich in der Stadt niederlassen, ziehen viele jüngere Familien in das Stadtumland. Sie erhoffen sich, im Stadtumland die Vorstellung vom Leben im Grünen realisieren zu können, im eigenen Heim und mit einem höheren Ausmaß an baulicher und funktioneller Selbstbestimmung. 

Die ländlichen Regionen, fernab der großen Städte, haben Schwierigkeiten, ihre Attraktivität zu erhalten. Wo sollen Menschen dort arbeiten, wenn die letzte Fabrik abgesiedelt wird, die Bankfiliale schließt oder der Einzelhandel aufgrund fehlender Nachfrage seine Standorte verlagert? Ein sich selbstverstärkender Kreislauf nach unten kann oft schwer gestoppt werden. Ein Rettungsanker für diese ländlichen Regionen ist der Tourismus, der wieder Kapital in die Region bringt, eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft oder eine verbesserte Erreichbarkeit, um eine Anbindung an eine Stadtregion zu ermöglichen. 

Wenn wir jetzt das individuelle Wohnen betrachten: Wie werden sich das Wohnen bzw. die Ansprüche der Wohnenden verändern, sind in Zukunft auch andere Wohnformen denkbar? Welchen Herausforderungen muss sich der Wohnungsneubau stellen? 

Heinz Fassmann: Nicht mehr die Schaffung von normiertem und familiengerechtem Wohnraum für Paare mit Kindern steht alleine im Vordergrund. Neue flexibel nutzbare Wohnformen sind notwendig, die auf die veränderten Lebensformen Rücksicht nehmen. Wohnungen, die für junge Singles, für ältere allein oder zu zweit lebende Personen, für Partnerschaften auf Distanz und für Lebensgemeinschaften jeden Alters nutzbar sind, werden verstärkt notwendig sein. Dazu kommen integrative Wohnformen, die ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Eingliederung von zugewanderten Haushalten leisten können sowie Wohnformen für eine alternde Gesellschaft (betreutes und altersgerechtes Wohnen). Schließlich sind generell die steigenden Energiepreise und das wachsende ökologische Bewusstsein der Bevölkerung zu berücksichtigen. Auf die Verwendung der richtigen Baumaterialien, den Grundriss der Wohnung, die Einbettung des Objekts in die Umwelt und die Energieeffizienz achten Haushalte heute und in Zukunft mehr denn je.

Wir danken für das Gespräch.


Heinz Fassmann ist Professor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien und geschäftsführender Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Mitautor der von der Österreichischen Raumordnungskonferenz in Auftrag gegebenen Studie über die Haushaltsentwicklung und den Wohnungsbedarf in Österreich.

Juni 2011